Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529978
KUNST IM  
VORZÜGE UND SCHRANKEN DER 
nicht frei von einem erdigen Beigefchmacke. Zufällige Porträtzüge haften 
noch an den einzelnen Geitalten. Sie erfcheinen wohl fchmuck und 
prächtig, die Frauen anmuthig im Gefichte und zierlich in Geberden, die 
Männer voll Kraft und Stolz. Sagt uns nicht die mit Vorliebe ge- 
fchilderte Frau mit dem Korbe auf dem Kopfe, das Gewand vom Winde 
an den Leib gedrückt und hinten gebaufcht! Seht, wie ftattlich die 
Formen, wie fchön die Bewegung? Und die Jünglinge, in enganliegende 
Kleider geprefst, fo dafs das Muskelfpiel fxchtbar ift, die nackten Figuren 
im Hintergründe im wirklichen oder im Scheinkanlpfe begriffen, follen 
fie nicht die hohe Kunfl des Malers beweifen? Es ift alles vortrefflich 
nach der Natur gearbeitet, es ilt aber nicht die reine ideale Natur; 
alle wünfchensvverthen Eigenfchaften des Künftlers zeigen flch gereift 
und zur Vollkommenheit entfaltet; nur eine Eigenfchaft wird vermifst: 
die fchöpferifche Begabung, welche gleich einer elementaren Gewalt 
wirkt und den von ihr gefchaffenen Geflalten den Schein nicht allein 
der Wirklichkeit, fondern auch der Nothwendigkeit verleiht. Wenn im 
Angelicht des Bildes auch nicht der leifefle Gedanke auftaucht, dafs es 
flch noch anders darftellen liefse oder dafs an die Stelle diefer Perfonen, 
jener Gruppen ebenfo gut andere treten könnten, wenn aus demfelben 
eine neue Welt leuchtet, fo organifch gefügt, wie die wirkliche Welt, 
aber frei von allen Zuthaten des YVerktagslebens, eine ideale und doch 
naive Welt, dann erft ahnt man die höchfte Stufe der Entwickelung 
erreicht. Als gröfster Künftler wird aber der Mann begrüfst, deffen 
Gedanken fo mächtig und kräftig lind, dafs fle nur in eigenartigen Formen 
gefafst werden können, deffen Herrfchaft über die Formen fo unbedingt 
waltet, dafs diefe auch dann die Lebensfülle bewahren, wenn fie von- 
der unmittelbaren Natürlichkeit und gewöhnlichen Wahrheit abweichen. 
Diefe vollendete Kunft und diefe künPclerifche Meifterfchaft erblickt nicht 
eine traumhafte Phantafie in unerreichbarer Ferne, fie wurden verkörpert 
und beftanden in ihrer ganzen blendenden Herrlichkeit. Raf f ael und 
Michelangelo haben diefen Idealen Leib und Leben gegeben. In 
Raffaels Werken tritt die Perfon des Kiinftlers vollftändig in den Hinter- 
grund. Man athmet ihre Schönheit ein, man geniefst fie, aber fragt 
nicht nach ihrem Urfprunge. Von Ewigkeit fcheint ihr Beftand zu zählen. 
Sie iiberrafchen uns nicht. Denn. jede andere Geftaltung weift der Blick 
als ganz unmöglich, ja undenkbar zurück. Die höchfte innere Zweck- 
mäfsigkeit offenbart fich in ihnen verkörpert. Michelangelds Perfönlich- 
keit wieder entfaltet eine fo überwältigende Kraft, dafs die Welt, in 
Welcher er {ich fpiegelt, als gleichberechtigt mit der wirklich irdifchen 
angefehen und jeder Zweifel ander natürlichen Wahrheit feiner Geftalten
        

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