Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529954
F LORENTINER 
KUNST 
1M 
JAHRHUNDERT. 
fietig entwickelte Kunftübung die rechten Mittel und Wege. So wahrt 
fich Florenz feinen berechtigten Einflufs auch in der Zeit, in welcher es 
aufgehört hat, als die Hauptiiadt nationaler Kunit gerühmt zu werden; 
erfcheint es nicht mehr als der Mittelpunkt der letzteren, fo bleibt es 
Cißmlüflh der Ausgangspunkt der römifchen Kunftfchöpftingen. 
Die hundert Jahre, welche vergangen waren, feitdem Brunellesco 
und Ghiberti im Nlitbewerbe um die Bronzethüre des Baptifieritlms ftanden 
und Donatello feine von Leben ftrotzenden Geftalten für Or San Michele 
und den Dom bildete, hatten wundervolle Früchte getragen. Unter den 
Händen des Bildhauers gewannen die Figuren Sprache und packenden 
Piusdruck, fteigerte fich der heitere Reiz der Kindernatur, die lockende 
Schönheit nackter jünglingslqörper, der edle Ernfi kräftiger Männer und 
würdiger Greife zu bisher ungeahnter Wirkung. Die Kenntnifs des menfch- 
liChen Leibes hatte die gröfsten Fortfchritte gemacht, das Verfiändnifs 
richtiger und gefälliger Gewandung, welche den körperlichen Formen 
genau ioigt, Zugleich durch den freien Wurf das Auge erfreut, beinahe 
die Vollkommenheit erreicht; auch die kühnPte Aufgabe des Bildhauers, 
il cavallo, das Reiterftandbild zahlte nicht mehr zu den unerreichbaren 
Zielen. Und wie glänzend bewährte fich die Erzählungskunft der Horen- 
fineii iiiaiiikefl Sie mufsten allerdings derfelben die hergebrachten Regeln 
deh" Reliefftils zum Opfer bringen und nachträglich noch nach Jahrhun- 
derten von pedantifchen Richtern, herben Tadel darob erfahren. Welcher 
unbefangene Kunfifreund wollte aber es ihnen verargen, wenn fie im 
XiOiif-Zefühl des Schaffens nur dem einen Ziele, reiches Leben zu fchildern, 
nP-Chgehen? Sie haben fo viel zu erzählen und wiffen fo gut und an- 
nmthig zu erzählen und müfzsten auf diefen Vorzug vollftändig verzichten, 
zeigten file flch den alten Gefetzen des Reliefiiiles gehorfam. Denn diefe 
können keinen abgePcuften Hintergrund,  keine Perfpective oder Ver-l 
kürzungen, überhaupt nicht die Mannigfaltigkeit der Anfichten und ein 
iiebCVOlles Ausmalen des Kleinen und Einzelnen. 
Die florentinifche Plaiiik des fünfzehnten Jahrhunderts fügte nicht 
allein auf eigenem Gebiete Fortfchritt zum Fortfchritt, fie wurde auch 
de!" erfolgreiche Lehrer der Malerei. Von den Bildhauern geleitet, unter- 
iVaFfCH die Maler die Einzelgefialt der forgfältigften Prüfung, nicht allein 
m Bezug auf das rechte Maafs und Verhältnifs, fondern auch mit 
Rückficht auf Rundung, Hebung durch Licht und Schatten, fchärfere 
Gliederung der Formen. Die plafiifchen Studien genügten den Malern 
nicht. Um das Gerüfte des menfchlichen Baues zu ergründen, den Er- 
fcheinungen des wirklichen Lebens überhaupt nahe zu kommen und die 
Fähigkeit ihrer treuen Wiedergabe zu gewinnen, fcheuten fie keine Mühe 
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