Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531268
134 111. DIE MADONNEN RAFFAEUS. 
 
und mit feiner Betonung des Ausdruckes aus, überzog fogar das Blatt 
mit einem Netze zum Zwecke der Uebertragung auf die Tafel. Dazu 
kam es aber noch nicht. Raffael änderte abermals Einzelheiten, ehe er 
die uendgiltige Wahl. traf. Auf dem Horentiner Blatte, das {ich felbft 
wieder von den vorangehenden Oxforder Studien unterfcheidet, erfcheinen 
die beiden Träger im Alter anders gezeichnet als auf dem Gemälde (Fig.47); 
dort fehen wir den Jüngling zu Häupten Chrifii befchäftigt, der bärtige 
Mann trägt die! Beine; auf dem Bilde fxnd die beiden Geftalten gerade 
entgegengefetzt vertheilt. Die Frau, welche auf der Federzeichnung 
hinter der Maria Magdalena mit erhobenen Armen {teht und in {tiller 
Theilnahme dem Vorgange folgt, hat Raffael im Bilde ausgelaffen. Viel- 
leicht, dafs ihm diefe Geftalt zu ruhig in der Haltung dünkte und von 
dem leidenfchaftlich bewegten Wefen der übrigen Perfonen allzuftark 
abweichend. Denn darauf war fein Augenmerk vorzugsweife gerichtet, 
die Handlung mit fcharfen dramatifchen Accenten zu verfehen und dem- 
gemäfs auch alle Perfonen in das höchfte Pathos zu kleiden. Das Leichen- 
begängnifs i{t am Eingang der Grabhöhle angelangt. Die Stufen, welche 
zu diefer führen und erklommen werden müffen, rufen zuletzt noch die 
gewaltigPce Anfpannung der Muskelkraft der Träger auf. Sie halten 
unwillkürlich einen Augenblick inne, und diefen benützt Magdalena, um 
von dem Freunde den letzten Abfchied zu nehmen. Mit der Linken hat {ie 
feine Hand ergriffen, mit der Rechten lüftet {ie leife das Grabtuch von 
feinem Antlitze  eine Bewegung, welche an die ähnliche im älteren Louvre- 
blatte erinnert und die {ietige Entwickelung der Compofition, und dafs bei 
Raffael kein Gedanke verloren geht, beweiPc. Zwifchen Magdalena und dem 
Träger am Kopfende {ind die Geftalten jofephs von Arimathia und des 
{ich vorbeugendenjohannes eingefchaltet. Die Maria felbft ift einen Schritt 
zurückgeblieben und finkt ohnmächtig in die Arme der Frauen, von welchen 
die eine knieend {ie umfafst, zwei andere ihr hilfreich zur Seite Reben. 
Kein Werk hatte Raffael bisher fo forgfältig vorbereitet, fo genau 
erwogen; für jede Gefialt, jede Bewegung läfst {ich der Grund ihres 
Dafeins angeben, von jedem Motive die vollkommene Zweckmäfsigkeit 
nachweifen. Die Wirkung des Werkes entfpricht nur wenig den Be- 
mühungen des Künftlers. Dafs das Gemälde kalt laffe, mehr zum künft- 
lerifchen Verfiande als zum Herzen fpreche, bekennen auch jene, welche 
der Energie des Ausdruckes, der Wahrheit der Charaktere, der Schönheit 
der Linienführung höchftes, übrigens verdientes Lob fpenden. Einen 
grofsen Theil der Schuld trägt das Colorit. Verputz und glatte Refiau- 
ration haben die urfprüngliche Natur des Gemäldes fo fehr verändert, 
dafs vielfach auf die Beihilfe einer fremden Hand gefchloffen wurde.
        

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