Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1531042
II2 
DIE 
MAD ONNEN 
RAFFAEDS. 
heit, die WVerke der Malerei vorzugsweife als architektonifchen Schmuck 
zu fchauen, auch die Kunde architektonifcher Regeln erworben und in 
ihrer Kunft auszuüben gelernt. Diefelben kommen nicht allein in den 
grofsen cyklifchen Compofrtionen, welche Wände und Wölbungen be- 
decken und in ausgedehnten Tafelbildern zur Geltung; felbft die Einzel- 
gruppe wird ihrer Herrfchaft unterthan, indem fie von einer regel- 
mäfsigen Figur, einem Dreieck z. B. umriffen, auf eine feftgefchloffene 
geometrifche Form zurückgeführt werden kann. Auch Raffael ergriff 
mit Eifer diefe feit dem Beginn des Jahrhunderts befonders beliebte 
Weife und fchuf eine Reihe von Madonnenbildern, in welchen er auf den 
regelmäfsigen Bau der Gruppe den Hauptnachdruck legte. Zum allge- 
meinen, durch das florentiner Leben geweckten Antrieb trat noch Fra 
Bartolommeds perfönlicher Einflufs hinzu, um diefe Richtung in Raffael 
zu kräftigen. Leider ift uns jede nähere Kunde darüber entzogen, wann 
und unter welchen Umftänden die beiden Maler Freundfchaft fchloffen. 
Auch die rein künftlerifche Natur ihrer Beziehungen läfst mehr Licht 
wünfchenswerth erfcheinen. Wenn Vafari wiederholt erzählt, dafs Raffael 
den Mönch gewordenen Baccio in die Geheimniffe der Perfpective ein- 
weihte, diefer ihn dagegen wieder in der richtigen Behandlung und Ver- 
fchnielzung der Farben unterrichtete, fo trifft er fchwerlich den Kern 
der Sache. Eine Aenderung der Malweife gehörte keineswegs zu den 
nächiten Zielen Raffaefs in Florenz, und feine florentiner Bilder offen- 
baren durchaus nicht eine folche Ueberlegenheit in der Luftperfpective, 
dafs er darin als Lehrmeifter des älteren Freundes gelten könnte. Das 
Studium der glücklicher Weife zahlreichen Handzeichnungen Bra Barto- 
lommeds bringt auf eine beffere Fährte. Sie fagen uns, dafs Leonardo, 
deffen wunderbare Weife feit feiner Heimkehr nach Florenz diemdortigen 
Kunftkreife nicht wenig aufregte, in Fra Bartolommeo einen eifrigen 
Nachfolger befafs, und dafs der Letztere es war, welcher Leonardds 
Einflufs auf Raffael wefentlich vermittelte; {ie fagen uns ferner, dafs Fra 
Bartolommeo es meilterhaft verftand, felbft mit einfachen technifchen 
Mitteln Licht und Schatten in gröfseren Maffen zufammenzuhalten, dafs 
er in der Anordnung der Gewänder,  fle zeigen einen leichten Flufs, 
einen fchönen Fall und {ind fchmiegfam genug, um die darunter lagernden 
Formen erkennen zu laffen  eine glückliche Hand befafs, vor Allem 
aber, dafs er alle Genoffen in der Kunft des architektonifchen Gruppen- 
baues übertraf. Ohne Zwang und Gewalt, ohne dafs die Einzelgeftalten 
an der Freiheit ihrer Bewegungen einbüfsen oder ein fprödes fteifes Aus- 
fehen empfangen, fchliefst {ich die Gruppe zu einer feften Einheit zu- 
fainmen. Hier nun ftofsen Fra Bartolommeo und Raffael an einander
        

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