Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bis zum Tode Julius II.
Person:
Springer, Anton
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1529639
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1530804
DIE 
MADONNEN 
RAFFAEDS. 
in der Rechten das aufgefchlagene Gebetbuch ruht, in welches Chriitus 
andächtig hineinblickt. Eine anmuthige Landfchaft, durch einen Flufs 
belebt, allmählich gegen fchneebedeckte Berge am Horizonte anfteigend, 
bildet den Hintergrund. Licht und klar in der Färbung, nicht durch 
Contrafte wirkend, dagegen durch den feinen Schmelz, den durchaus 
feften Auftrag der Töne ausgezeichnet, bildet diefes Werk den vielver- 
heifsenden Anfang einer langen glorreichen Reihe von Madonnenfchil- 
derungen. Die Skizze zu dem Madonnenbilde, welches Raffael angeblich 
für Alfano di Diamante gemalt hatte, als Dank bei dem Abfchiede von 
Perugia für die ihm gewährte Gaftfreundfchaft, wird im Berliner Kupfer- 
ftichcabinet bewahrt. Noch ganz im Stile Peruginds mit der Feder ge- 
zeichnet, unterfcheidet fie {ich von dem Gemälde auch dadurch, dafs die 
Madonna einen Apfel ftatt des Buches in der Hand hält. Raffael hat 
daher das Motiv erft nachträglich umgeändert, ohne die Spuren der ur- 
fprünglichen Handhaltting völlig verwifchen zu können. Selbftändig von 
ihm erfunden tritt uns die Madonna mit dem Buche in einem kleinen 
fehr frühen Blättchen in Oxford (Br. Io) entgegen, welches durch die 
Rahmenlinien, fowie durch den UmPcand, dafs die Rückfeite das Studium 
des Chriftkindes noch einmal im gröfseren Maafsftabe zeigt, ganz wie der 
Entwurf zu einem Gemälde fich ausnimmt. (Fig. I8.) Auch hier fpielt die 
Scene in offener Landfchaft. Am Ufer eines Sees baut fich ein Schlofs, 
durch eine Pfahlbrücke mit dem Ufer verbunden, mit Thürmen "bewehrt, 
von einer Mauer umgeben, auf. Die Madonna, von vorn gefehen, um- 
fafst mit der einen Hand das auf ihrem Schoofse fltzende nackte Chrift- 
kind und hält mit der anderen das Gebetbuch, deffen Blätter das Kind 
wendet, nicht zum Spiele, fondern wie der nach oben gerichtete fromme 
Blick andeutet, um in der Andacht fortzufahren. Diefer Zug, welcher 
auch pfychologifch etwas Gezwungenes hat, fand in den frifchen, lebens- 
vollen Florentiner Anfchauungen keine Förderung. Mehr Kind, mehr 
Mutter fcheint die Mahnung gelautet zu haben, die fich der junge Künftler 
felbft gab. Ihren Erfolg zeigt eine weitere in Florenz entworfene Reihe 
von Handzeichnungen. Auf einem Blatte in Lille (Br. 54) entwarf Raffael 
mit dem Silberftifte zu wiederholten Malen das Motiv der lefenden 
Madonna. Sie felbft erfcheint wenig verändert, wohl aber das Chriflkind 
in Haltung und Bewegung naiver und natürlicher gedacht. Mit beiden 
Händen hat es das Buch erfafst und hebt nun den Kopf gleichfam fragend 
zur Mutter empor. Von dem urfprünglichen Andachtsbilde ift der Künftler 
fchon weit entfernt, fein Ziel faft ausfchliefslich bereits die freie Wiedergabe 
der menfchlich fchönen Beziehungen, des innigen Zufammenhanges, welcher 
zwifchen Mutter und Kind waltet. Einen weiteren Schritt in diefer Richtung
        

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