Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1526723
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Goethes 
Ästhetik. 
Auch dem Darsteller von Menschen und 'l'ieren kann 
einiges Studium der Anatomie nicht erspart werden. 
„Die menschliche Gestalt kann nicht blofs durch das 
Beschauen ihrer Oberfläche begriffen werdenß) man mufs 
ihr Inneres entblöfsen, ihre Teile sondern, die Ver- 
bindungen derselben bemerken, die Verschiedenheiten 
kennen, sich von Wirkung und Gegenwirkung unter- 
richten, das Verborgene, Ruhende, das Fundament der 
Erscheinung sich einprägen, wenn man dasjenige wirklich 
schauen und nachahmen will, was sich als ein schönes 
ungetrenntes Ganze in lebendigen Wellen vor unseren 
Augen bewegt. Der Blick auf die Oberfläche eines 
lebendigen Wesens verwirrt den Beobachter, und man 
(larf wohl hier, wie in anderen Fällen, den wahren Spruch 
anbringen: Was man weifs, sieht man erst. Denn wie 
derjenige, der ein kurzes Gesicht hat, einen Gegenstand 
besser sieht, von dem er sich wieder entfernt, als einen, 
dem er sich erst nähert, weil ihm das geistige Gesicht 
nunmehr zur Hilfe kommt, so liegt eigentlich in der 
Kenntnis die Vollendung des Anschauens." 
Der Künstler braucht freilich nicht erst ein Ge- 
lehrter zu werden, ehe er zu produzieren anfängt, 
zu vieles Wissen könnte ihm sogar gefährlich werden. 
„Das Unzulängliche ist produktiv," bemerkte Goethe 
einmal zu Riemen?) „ich schrieb meine ,Iphigenie' aus 
einem Studium der griechischen Sachen, das aber un- 
zulänglich war. Wenn es erschöpfend gewesen wäre, 
so wäre das Stück ungeschrieben geblieben." Aber soviel 
studieren mufs der Dichter, dafs er das Charakteristische 
1) [Cinlcitung in 
Bicdcrmann III, 24. 
PrOPy] 
die 
iicn 
1798. 
Juli 
ISII,
        

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