Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1526362
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Goethes 
Ästhetik. 
sollte er abends noch viel tiefere Eindrücke empfangen, 
die ihm, dem Dichter, unvergefslich bleiben mufsten. 
Er hatte sich Schiffer bestellt, die es noch verstanden, 
wie ihre Vorfahren Gesänge des Tasso und Ariost 
nach eigenartigen Melodieen zu singen. Bei Mondschein 
bestiegen sie eine Gondel, Goethe safs mit einem alten 
Ortskundigen in der Mitte und hatte den einen Sänger 
vor, den andern hinter sich. Die Schiffer fingen ihr Lied 
an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie 
kannte der Deutsche schon aus Rousseaus Schriften; 
es War ein Mittelding zwischen Choral und Rezitation 
und ist in ihrer Eigenart nur durch ihre Entstehung zu 
erklären. Man mufs sich nämlich ursprünglich die 
Sänger weit von einander getrennt denken. Der eine 
sitzt am Ufer einer Insel oder eines Kanals auf seiner 
Barke und läfst sein Lied schallen, so weit er kann. 
Über den stillen Wasserspiegel verbreitet sich's. In der 
Ferne hört es ein anderer, der die Melodie und die 
Worte kennt, und er antwortet nun dem ersten mit dem 
folgenden Verse; hierauf erwidert wieder der erste, und 
so ist einer immer gleichsam das Echo des andern. 
Wenn ein Zuhörer gerade mitten ztvischen beiden ist, 
versteht und geniefst er diese nächtliche Unterhaltung 
am besten. Goethes Begleiter stiegen deshalb am Ufer 
der Giudecca aus und gingen in verschiedener Richtung 
am Kanal hinweg. Goethe schritt zwischen beiden hin 
und her, so dafs er immer den verliefs, der zu singen 
anfangen sollte, und sich dem andern näherte, der eben 
aufgehört hatte. Da ward ihm der Sinn des Gesanges 
erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klang 
es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne 'l'rauer, es 
war darin etwas unglaublich Rührendes. Goethe hatte
        

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