Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1528277
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nähern, offen und unbefangen, bereit zu Genufs und Be- 
geisterung. Denn guter Wille ist die erste Bedingung des 
Kunstgeniefsens. 
]eder Künstler verlangt freiwillige Erhebung von uns: 
"Soll ich dir die Gegend zeigen, 
Mufst du erst das Dach besteigenf") 
Das Geniefsen ist dem Hervorbringen sehr nahe 
verwandt, es ist ein Reproduzieren. Es verlangt also 
auch eine ähnliche Hingabe unseres innersten Wesens. 
Man mufs ferner nicht nur allerlei gelernt haben, 
sondern man mufs auch gut erzogen sein, um die Kunst 
würdig empfangen zu können. „Sich mitzuteilen, ist 
Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird, 
ist Bildungf") 
Wer an allgemeiner Unwissenheit leidet, kann nicht 
einen hochgebiltleten Künstler richtig verstehen. Goethe 
verehrte in Rom eine Minerva, die i1n Palaste Giustiniani 
aufgestellt war. Die Frau des Kustoden, die ihm den 
Saal aufschlofs, machte sich Gedanken darüber, warum 
dieser Deutsche die Statue so lange betrachten möge. 
Und sie fing an zu plaudern. Die Statue sei ehemals 
ein heiliges Bild gewesen, und die Inglesi, die von dieser 
Religion seien, pflegten es noch heute zu verehren; sie 
küfsteu ihr die Hand, die denn auch ganz weifs schimmerte, 
während die übrige Statue bräunlich war. ja, neulich habe 
eine englische Dame sich vor dem Steine auf die Knie 
niedergeworfen und habe ihn angebetet; es sei zum Lachen 
gewesen, und sie, die Kustodin, habe hinauslaufen müssen, 
um vor der wunderlichen Fremden nicht gerade heraus- 
zuplatzen. Warum der Herr denn nun auch so lange 
1) Westöstl. Divan.  i) Maximen und Reiiexiozmen.
        

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