Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1527579
Des 
Dichters 
Lehrjahre. 
143 
Die Wirklichkeit soll die Motive hergeben, die aus- 
zusprechenden Punkte, den eigentlichen Kern; aber ein 
schönes belebtes Ganzes daraus zu bilden, ist Sache 
des Dichters. Sie kennen den Fürnstein, den sogenannten 
Naturdichter; er hat ein Gedicht gemacht über den 
Hopfenbau, es läfst sich nicht artiger machen. Jetzt 
habe ich ihm Handwerkslieder aufgegeben, besonders 
ein Weberlied, und ich bin gewifs, dafs es ihm gelingen 
wird; denn er hat von Jugend auf unter solchen Leuten 
gelebt, er kennt den Gegenstand durch und durch, er 
wird Herr seines Stoffes sein. Und das ist eben der 
Vorteil bei kleinen Sachen, dafs man nur solche Gegen- 
stände zu wählen braucht und wählen wird, die man 
kennt, von denen man Herr ist. Bei einem grofsen 
dichterischen Werke geht das aber nicht, da läfst sich 
nicht ausweichen, alles, was zur Verknüpfung des Ganzen 
gehört und in den Plan hinein mit verflochten ist, mufs 
dargestellt werden und zwar mit getroffener Wahrheit. 
Bei der Jugend aber ist die Kenntnis der Dinge noch 
einseitig; ein grofses Werk aber erfordert Vielseitigkeit, 
und daran scheitert man." 
Noch zwei ernste Ratschläge hatte Goethe jungen 
Dichtern zu geben. Der eine heifst: positiv zu sein. 
Gestalten, nicht einreifsen, ist Aufgabe des Künstlers. 
Wenn Goethe die heutige wöchentliche Flut unserer 
witzigen und witzelnden Litteratur sähe, würde ihn 
bangen um die Zukunft des Volkes; jedenfalls würde er 
alle poetischen Talente auf das ernstlichste warnen, sich 
dem Spotten und Höhnen zu ergeben, wobei man auch 
die eigene Seele durchlöchert und aushöhlt. „Mein
        

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