Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1527562
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Goethes 
Ästhetik. 
Kräfte und welche ruhige ungestörte Lage im Leben, 
um es dann in einem Flufs gehörig auszusprechen! 
Hat man sich nun im Ganzen vergriffen, so ist alle 
Mühe verloren; ist man ferner bei einem so umfang- 
reichen Gegenstande in einzelnen Teilen nicht völlig 
Herr seines Stoffes, so wird das Ganze stellenweise 
mangelhaft werden, und man wird gescholten, und aus 
allem entspringt für den Dichter statt Belohnung und 
Freude für so viele Mühe und Aufopferung nichts als 
Unbehagen und Lähmung der Kräfte. Fafst dagegen 
der Dichter täglich die Gegenwart auf und behandelt 
er immer gleich in frischer Stimmung, was sich ihm 
darbietet, so macht er sicher immer etwas Gutes, und 
gelingt ihm auch einmal etwas nicht, so ist nichts daran 
verloren." 
Goethe war nun bei einem Lieblingsthenm, dem 
,,Gelegenheitsgedicht", für dessen gröfsere Ehrung er 
gern eine Lanze einlegte. So fuhr er fort: 
„Die Welt ist so grofs und reich, und das Leben so 
mannigfaltig, dafs es an Anlässen zu Gedichten nie 
fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte 
sein, das heifst, die Wirklichkeit mufs die Veranlassung 
und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch 
wird ein spezieller Fall eben dadurch, dafs ihn der 
Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegen- 
heitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt 
und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten, 
aus der Luft gegriffen, halte ich nichts. 
„Man sage nicht, dafs es der Wirklichkeit an poetischem 
Interesse fehlt; denn eben darin bewährt sich ja der 
Dichter, dafs er geistreich genug sei, einem gewöhnlichen 
Gegenstande eine interessante Seite abzugewinnen.
        

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