Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1527473
Dichters 
Des 
Lehrjahre. 
133 
forschung der Welt und des Lebens unverkennbare 
Spuren trüge, und 1nan wird keineswegs erinnert, als 
sei Ihnen das alles, ohne die reichste Erfahrung, nur 
so geschenkt worden." 
"Mag sein," antwortete Goethe, "allein hätte ich 
nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir ge- 
tragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben, 
und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts ge- 
wesen als ein ganz totes und vergebliches Bemühen. 
Das Licht ist da, und die Farben umgeben uns ; allein 
trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen 
Auge, so würden wir auch aufser uns dergleichen nicht 
wahrnehmen." 
Zu andern Stunden aber pries, wie wir wissen, Goethe 
die objektive Art der Dichtung mit gröfster Entschieden- 
heit; ihre Voraussetzung aber ist ein sehr Heifsiges Lernen 
und Beobachten. "Wenn Einer singen lernen will," 
sagte er einmalf) „sind ihm alle diejenigen Töne, die 
in seiner Kehle liegen, natürlich und leicht; die andern 
aber, die nicht in seiner Kehle liegen, sind ihm anfangs 
lieh äufserst schwer. Um aber ein Sänger zu werden, 
mufs er sie überwinden, denn sie müssen ihm alle zu 
Gebote stehen. Ebenso ist es mit einem Dichter. 
Solange er blofs seine wenigen subjektiven Empfindungen 
ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber sobald 
er die Welt sich anzueignen und auszusprechen weil's, 
ist er ein Poet. Und dann ist er unerschöpflich und 
kann immer neu sein, wogegen aber eine subjektive 
Natur ihr bifschen Inneres bald ausgesprochen hat und 
zuletzt in Manier zu Grunde geht. 
Eckermann, 
Januar. 
1826.
        

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