Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethes Ästhetik
Person:
Bode, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1525823
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1527455
Des 
Lehrjahre. 
Dichters 
131 
„Ich schrieb meinen ,Götz von Berlichingew," sagte 
er, „als junger Mensch von Zweiundzwanzig und er- 
staunte zehn Jahre später über die Wahrheit meiner 
Darstellung. Erlebt und gesehen hatte ich bekanntlich 
dergleichen nicht, und ich mufste also die Kenntnis 
mannigfaltiger menschlicher Zustände durch Antizipation 
besitzen." Er fügte sogar hinzu: 
"Überhaupt hatte ich nur Freude an der Darstellung 
meiner innern Welt, ehe ich die äufsere kannte. Als 
ich nachher in der Wirklichkeit fand, dafs die Welt so 
war, wie ich sie mir gedacht hatte, war sie mir ver- 
driefslich, und ich hatte keine Lust mehr, sie darzustellen. 
]a, ich möchte sagen: hätte ich mit Darstellung der Welt 
so lange gewartet, bis ich sie kannte, so wäre meine 
Darstellung Persiflage geworden." 
Auch dem Plato hat Goethe diese Antizipation der 
Welt zugeschrieben. Er war ein seliger Geist, dem es 
beliebte, einige Zeit in dieser Welt Herberge zu nehmen. 
"Es ist ihm nicht sowohl darum zu thun, sie kennen 
ZU lernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr das- 
lenige, was er mitbringt und was ihr so not thut, freund- 
lich mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen, mehr um sie 
mit seinem Wesen auszufüllen, als um sie zu erforschenf") 
Solche Sätze darf man nicht falsch verstehen. Der 
Wahre Dichter bedarf allerdings nicht vieler Erfahrung, 
um sich in andere Verhältnisse hineinzudenken, nament- 
lich wird er seelische Vorgänge in Anderen schnell 
durch Ahnung richtig ergreifen, wo der Philister oft 
nach langem Studium kaum zur Kenntnis gelangt. 
Einem Schiller gelang sogar das Aufserordentliche, 
der Farbenlehre 
Geschichte
        

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