Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rafael Von Urbino Und Sein Vater Giovanni Santi
Person:
Passavant, Johann David
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507921
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1512197
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Michel Angela 
und 
Rafael". 
nicht, dass der Maler stets solche darstellen soll; welche 
die Natur nie oder doch nur sehr selten hervorbringt     
Nun soll der Maler, als Nachahmer und Nachciferer der 
Natur, nicht dieBildung des Menschen für die schönste hal- 
ten, welche die Natur am wenigsten achtet. Vielmehr, 
gleichwie unter ihren schönen Eigenschaften dem Auge die 
Mannigfaltigkeit am schätzbarsteil und angenehmsten ist, so 
soll auf gleiche Weise der Maler schaffen und mannigfaltig 
in seinen Hcrvorbringimgen sein. Ist er es aber nicht, so 
kann er nicht völlig erfreuen. Sehet nun zu, 0b diese so 
wichtige Eigenschaft in den Werken des Michel Angele zu 
linden ist, dessen Figuren alle grandios, iiirchterlich und 
Schrecken erregend sind. Sagt Ihr vielleicht, dass ihre 
Verschiedenheit in ihren Bewegungen ist, und dass sie un- 
ter sich verschieden seien; so antworte ich, dass in dieser 
Verschiedenheit eine gleichförmige Ähnlichkeit der Verkür- 
zungen, der Kühnheit und der Muskeln ist". Der wortreiche 
Schriftsteller verbreitet sich nun noch weiter über des Mi- 
chel Angelo Kunst in der Zeichnung des Nackten und der 
Verkürzungen, tadelt dessen Art alle Figuren ganz nackt zu 
halten und spricht ihm die Gabe der Erfindung (Composi- 
tion) ab. Dann fährt er fort: "Betrachten wir dagegen die 
Werke Rafaefs, so werden wir sehen, dass seine Figuren 
meist graziös und lieblich sind, obgleich er auch kräftige 
und kühne gemalt hat, wenn es der Gegenstand erforderte. 
S0 hat er auch öfters das Nackte und die Verkürzungen 
angebracht, je nachdem es der Ort und die Gelegenheit 
erheischten, ohne jedoch jemals die Schicklichlteit sowohl 
in heiligen als profanen Darstellungen zu verletzen. Auch 
suchte er die Mannigfaltigkeit, so dass er Greise, Jüng- 
linge und Knaben, bejahrte Frauen und Mädchen in so ver- 
schiedenartigen Stellungen, Kleidern, Gestalten und Bildun- 
gen gemalt hat, und in solcher Menge, dass es scheint, die 
Natur könne in der Wirklichkeit keine grössere Mannigfal- 
tigkeit hervorbringen. So auch sieht man nach der Ver- 
schiedenheit des Geschlechts, des Alters und der Beschäf- 
tigung die grössten Unterschiede in den Muskeln, in den 
Gliedern, im Ausdruck und den Bewegungen. Ausserdem
        

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