Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500636
Anweisung 
Architektur 
des 
christlichen 
Cultus. 
9a 
Wir sprechen zunächst von seinem Verhältniss zu den Vorbildern, die 
er in der Basilika und in dem antiken System überhaupt gefunden. 
Die altchristliche Basilika hat in ihrer Gesammtcomposition, wie man- 
gelhaft auch das Einzelne erscheinen mag, allerdings etwas Hochpoetisches 
und Feierliches. Das Mittelschiff ist der Hauptraum des Gebäudes; über 
den Reihen der von Säulen gebildeten Arkaden erheben sich die Seiten- 
mauern desselben" und lassen durch Fenster von genügender GröSSe ein 
bedeutendes Licht einfallen. Die Seitenschiffe sind insgemein niedriger. 
sie erscheinen als beigeorduet und dienen, durch ihren Contrast das Gross- 
artige des Mittelraumes klar ins Auge fallen zu lassen. Der Hochaltar 
steht vor einer grandiosen gewölbten Nische, welche das Gebäude in wür- 
diger Ruhe schliesst. Noch bedeutender wird die Gesammtwirkung, wenn 
vor dem Altarraume ein Qnerschiif angewandt und die Verbindung des 
Mittelschiifes mit diesem durch einen kühnen, weitgesprengten Bogen (nach 
alter Weise der Triumphbogen genannt) vermittelt ist.  Nur die Form 
jener Altarnische hat der Verfasser, in den meisten Fällen, beibehalten; 
ein Querschiff der angegebenen Art hat er nirgend, und ebensowenig das 
eigenthümliche Verhältuiss des Mittelschiffes zu den Seitenschilfen ange- 
wandt. Statt der letzteren hat er zuweilen Gallerieen, die auf Säulen 
ruhen, zuweilen eine zweite Säulenstellung darüber bis an die Decke: statt 
eines Hauptraumes also, dessen Wirkung durch niedrigere Nebenräume ge- 
hoben wird, kleinere Vorbauten, welche die grossartige Erhebung des 
Hauptraumes verdecken oder aufheben. Bei kleinereiiKirchen fallen diese 
Gallerieen häulig ganz fort, bei einigen grösseren kommen andre Einrich- 
tungen vor, die wir hernach besprechen wollen. 
Wie der Verfasser sodann das antike Bausystem überhaupt aufgefasst, 
wird sich zunächst aus denjenigen Theilen ergeben, wo er dasselbe in 
unmittelbarer Nachahmung anwenden konnte, an den Prostylen vor den 
Eingängen der Kirchen. Es wird heutiges Tages, seit wir die Bauwerke 
der perikleischen Zeit in ihrer Reinheit kennen gelernt haben, wohl Nie- 
mand mehr in Abrede stellen, wie hoch dieselben über allen späteren, 
namentlich denen der Römer stehen, wie rein, verhältnissmässig. organisch 
sie durch und durch gebildet sind. Auch bei dem Verfasser (der, wie bekannt, 
zugleich mit architekturhistorischen Arbeiten aufgetreten ist) zeigt sich 
allerdings das Studium dieser Bauwerke. Ob aber Säulen (dorische und 
korinthische) kanellirt oder unkanellirt sind, darauf kommt es ihm wenig 
an; und doch ist eine unkanellirte griechische Säule  wir appelliren 
an das Gefühl eines jeden Gebildeten  ein kraftloses Unding: die Kanel- 
lirung ist der Ausdruck der inneren lebendigen Thätigkcit, die in der 
Säule wirksam ist, jenes herbe Zusammenziehen der Kraft, um dieselbe 
ganz und entschieden dem Drucke des Gebälks entgegen wenden zu kön- 
nen. Dann finden wir dorische Säulen, auf gut römisch, von acht Durch- 
messern Höhe, mit toskanischer Basis u. s. w. Auch fehlt nicht die Lieb- 
lingseinrichtung des Verfassers, zwischen die grossen Stufen, darauf der 
Prostyl sich erhebt, ein kleines, zur Eingangsthür führendes Treppchen an- 
zulegen, wie ein solches bei der Glyptothek zu München nicht ohne Lebens- 
gefahr zu passiren ist. 
Andre, der verdorbensten Römerzeit nachgebildete, Unformen sind, 
ausser der gesammten Pilaster-Architektur, namentlich ionische Pilastcr 
mit den Schneckenkapitälen der Säulen; zusammengeschrumpfte Architrave, 
welche nur die Hälfte des Frieses einnehmen; Verkröpfungen aller Art;
        

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