Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500614
christlichen 
zur Architektur des 
Anweisung 
Oultus. 
93 
Meinung der Edclsten unsrer Zeit: dass der gothische Baustyl in sich, in 
seiner eigenthümlichen Ausbildung des Kreuzgewölbes, eben so vollendet 
und abgeschlossen, von gleicher subjektiver Wahrheit und Gültigkeit ist, 
wie der griechische. Die Angaben des Verfassers, wie klimatisch unzweek- 
massig, wie schwierig überhaupt die Structur dieses Baustyles gewesen sei, 
dürfen wir ebenfalls unberührt lassen, da man es einmal möglich gemacht 
hat, Solche Gebäude zu errichten und da, nach unsrer bereits ausgesproche- 
nen Ansieht, es bei der Architektur, als Kunst im höheren Sinne, nur auf 
die Form an sich ankommt, dem Architekten, als Werkmeister, aber die 
besten Mittel zu deren möglicher Realisirung überlassen bleiben. ACSÜIC- 
tisehe und technische Mängel verbieten nicht die Wiedereinführung dieses 
Styles, wenn demselben nicht vielleicht der tiefere Grund einer veränder- 
ten Geistesrichtung unsrer Zelt im Wege steht. Schliesslieh erkennt der 
Verfasser jedoch bei den gothischen Kirchen das "schöne Princip eines 
freien durchsichtigen innern Baumes" an, so wie namentlich die "bessere 
Art, wie die Thürme mit dem ganzen Gebäude vereinigt sind, so dass wir 
hieraus Mehreres für die klassische Architektur lernen und uns aneignen 
können." Wir werden sehen, wie viel der Verfasser gelernt hat. 
Den Ucbergang zu der sogenannten Wiedergeburt der Künste findet 
der Verfasser vornehmlich durch gewisse italienische Gebäude eines "schon 
mehr gereinigten Baustyles" vermittelt, namentlich durch Orsanmichele, die 
Loggia de" Lanzi, S. Maria novella, den Dom und den Glockenthurm von 
Florenz. Was er an diesen rühmt und zur Nachahmung empfiehlt: „das 
Streben zur Reinheit und plastischen Consequenz der Antike" (soll ver- 
niuthlich heissen: zur vorherrschenden Horizontallinie), das müssen wir 
jedoch bei den meisten als eine Abirrung und ein Missverständniss des in 
den germanischen Ländern zu eigenthümlicher Consequenz durchgebildeten 
gothischen Styles bezeichnen. 
Kurze Empfehlung der Bestrebungen des Alberti und Brunelleschi, die 
wir bereitwilligst anerkennen, entschiedene Verwerfung der spätem italie- 
nischen Richtung, die besonders durch den Bau der Peterskirche in Rom 
begründet wurde (Michelangclos ursprünglichen Plan wagen wir doch ein 
wenig in Schutz zu nehmen) beschliessen das reiche Kapitel. Können wir 
den Verfasser somit weder als Historiker noch als Aesthetiker anerkennen, 
so dürfen wir gleichwohl auch auf diese Punkte" kein weiteres Gewicht 
legen. Der Verfasser ist Künstler; und um das zu sein, bedarf es weder 
der Historie noch der Aesthetik. 
iii. 
Kapitel 
Erfordernisse 
des 
christlich- 
liturgischen 
Baues 
Der Verfasser unterscheidet die eigentlichen Kirchen von den kleine- 
ren religiösen Monumenten. Für erstere stellt er gewisse äussere Erforder- 
nisse auf, die im Einzelnen ganz Zweckmässiges enthalten. Sie bestehen 
kürzlich in Folgendem: 
1) Ein einfacher Grundplan, möglichst frei im Innern, akustisch und 
so angeordnet, dass man von allen Plätzen des inneren Raumes auf das 
Presbyterium oder den Hauptaltar hinsehen kann. Diesem scheine der 
Plan der Basilikcn am besten zu entsprechen. (Warum andre Pläne, wie 
die des Kreuzes, des Vielecks, des Kreises, ausgeschlossen seien, wird nicht 
gesagt.) Sodann verlangt der Verfasser vor dem Eingange ein Vestibulum
        

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