Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500600
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Berichte, 
Erörtern ngen. 
Kritiken, 
Palingenesie geeignet." Letzteres mag der Fall sein, unter anderm schon 
aus dem Grunde, dass das in ihnen obwaltende System vielleicht nirgend 
zu einer klaren, harmonischen Durchbildung gelangt ist, und eine solche 
auszuführen, für einen umsichtigen Architekten gewiss einladend sein dürfte. 
Der Verfasser schliesst seinen Vortrag über byzantinischen Baustyl mit 
der Vertheidigung dieser seiner gewöhnlichen Benennung, schlägt jedoch, 
um historische Irrungen zu vermeiden, eine bessere Benennung als „lom- 
bardischer" Baustyl vor, was in die beliebte Kategorie der sächsischen, 
normannischen, friesischen, schwäbischen u. s. w. Baustylc des Mittelalters 
eliört. 
g Der Verfasser geht nunmehr zum gothischen Baustyl über. Nachdem 
er das tausendmal Wiederholte auch wiederholt, dass seine Benennung 
unpassend sei und nachdem er auch andre Namen abgewiesen hat, schlägt 
er zuerst vor, ihn als "mittelalterlichen Basilika-Styl" zu bezeichnen, ent- 
scheidet sich aber später für die Benennung eines "christlich hierarchischen" 
Baustyles. Denn seinen Grund und Wesen findet er in der kirchlichen 
Hierarchie, deren Blüthe zwar etliche Jahrhunderte früher falle, was aber 
nichts weiter ausmache, da zu dem Uebergange von einer Kllllsiart Zll einer 
andern ein gewisser Zeitabschnitt nöthig gewesen sei. Nicht allein jedoch 
in der Hierarchie an sich, sondern überhaupt in der ganzen gueltischen 
Seite der grossen Kämpfe des Mittelalters zwischen Guelfen und Ghibelli- 
nen (der Verfasser schreibt: Giebellinen). Hier könnte man billig fragen, 
in welcher Weise sich denn die Seite der Ghibellinen manifestirt habe? 
wir finden auch auf dieser nur Gothischcs. Uns scheint es vielmehr, als 
ob die gesammte gothische Baukunst, gleich so vielen andern grossen Er- 
scheinungen des Mittelalters, namentlich der bedeutsamen Bildung der 
Städte, und in nächster Beziehung mit letzterer,  als ein Produkt, her- 
vorgegangen aus jenen Kämpfen, zu betrachten ist. Dies weiter auszufüh- 
ren ist hier nieht der Ort. Ebenso übergehen wir die Spitzfindigkeiten, 
mit welchen der Verfasser seine Meinung zu bestärken oder Schwierigkei- 
ten zu umgehen sucht. 
Wichtiger jedoch, als diese geschichtliche Ansicht des Verfassers, ist 
seine gänzliche Verwerfung des gothischen Baustyles. Zwar giebt er dem- 
selben "Grossartigkeit der Coneeption", rgrossen Sinn für Form und Ver- 
hältnisse" zu, aber er nennt dies einen "Aufwand an Verstand, um den 
Mangel an Vernunft wieder gut zu m eben", eine "künstliche, nicht kunst- 
gerechte Cünsirlletion" u. s. w. DieaProtiliruugen und Vertiefungen (will 
Sagen: die Gliederungen) der Säulen (will sagen: Pfeiler) seien angewandt, 
um ihrer Schwere den Schein von Leichtigkeit zu geben; eben so bei den 
Gewölben jene künstliche, phantastisch geformte Verrippung (die bekannt- 
lich jedoch erst bei einer gewissen Ausartung des Styles eintritt). An die 
Strcbepfeilcr und Strebebögen sei wiederum eine unendliche Arbeit ver- 
schwendet worden, um ihren wahren Zweck zu nbemänteln" u. s. w.  Ist 
es glaublich, dass einem architektonisch gebildeten Manne jener klare 
Organismus hat entgehen können, welcher, versteht sich, bei den der Blüthe- 
zeit dieses Styles angehörigen Gebäuden so augenscheinlich heraustritt? 
Der Raum dieses Blattes und der eigentliche Zweck, den der Verfasser im 
Auge hat, erlauben uns auch hier nicht, im Detail zu antworten; wir ver- 
weisen statt dessen auf die jüngst erschienenen "Niederländischen 
Briefe von Karl Schnaase," worin dieser Gegenstand bereits aufs 
Gründlichstc und Gcistreichste abgehandelt- ist. Genug, wir theiltrn die
        

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