Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500588
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Kritiken, 
Berichte, 
Erörterungen. 
tonischc Form ein Absolutes, Objektives, für alle Zeiten und Länder Gül- 
tigcs geben, und nur rücksichtlich der Zusammensetzung können Ort und 
Zeit; eine Verschiedenheit bedingen."  Da die architektonischen Kunst- 
formen nicht aus diesen Aeusserlichkeiten hervorgehen können, sondern 
lediglich und einzig nur als ein Produkt der höheren Geistes- und Ge- 
fühlsrichiung einer besondern Zeit zu erklären sind, so kann ihnen keine 
absolute Gültigkeit einwohnen, sondernihre Wahrheit, wie die einer jeden 
menschlichen Produktion, stets nur eine subjektive, in unmittelbarem Be- 
zuge auf Zeit und Nation, sein.  
Das Resultat des Verfassers ist: dass in höchstem Grade "und in jedem 
Punkte des für unsern Zweck besonders wichtigen Einzelnen der Form, 
die griechische Architektur, in ihren beiden Hauptentwickelungs- 
Perioden, vor und nach Erfindung und Anwendung des Gewölbes, mithin 
im eigentlichen Griechenlande und in der Römischen Weltperiode, jenem 
ewigen Grundsatze entspricht."  Wer möchte die Herrlichkeit, die Voll- 
endung des griechischen Bausystemes, soweit menschliches Vermögen Voll- 
endetes schaffen kann, läugnen? Aber auch hier ist die Vollendung eine 
subjektive, einseitige, ausschliessende. Der Gewölbebau, mit welchem die 
Römer dasselbe vermischten, steht dazu im vollkommensten Widerspruch. 
Er erfordert überall, an Säulen, Pfeilern, Wänden, welche die allmählig 
emporsteigende Wölbung tragen, eine durchaus eigenthümliche Formirung 
der Glieder, eine gänzlich verschiedene von jenen Architekturtheilen, 
welche eine direkt abschliessende horizontale Bedeckung zu unterstützen 
haben. Wie äusserlich Gewölbe und griechisches Bausystem in der römi- 
schen Kunst verbunden waren, braucht keinem Gebildeten wiederholt zu 
werden. 
Doch fügt der Verfasser selbst hinzu: „Unsere Bedürfnisse, und na- 
mentlich die liturgischen sind so verschieden von denen der Alten, dass 
leider nur selten das Höchste was die Architektur jemals schuf: der grie- 
chische Tempel in seiner Reinheit zu liturgischen Zwecken angewendet 
werden kann, und die griechischen Formen einer ganz verschiedenen Zu- 
sammenstellung bedürfen, um dieser Bestimmung zu entsprechen. Obwohl 
uns aber die leider so sparsam erhaltenen Ueberbleibsel antiker Gebäude, 
für die Art dieser Zusammenstellung nur wenig oder gar nichts als Vor- 
bild darbieten, so hindert dieses doch keinesweges, dass das, was uns in 
dieser Beziehung Noth thut. wieder jenem allgemeinen Grundprincipe ho- 
mogen gebildet werden muss und kann, sobald dieses Princip nur erst 
T0111 Entwickelt, und in seinen Tiefen erkannt ist."  Hierauf scheint die 
einfache Erwiderung genügend: dass, wenn die griechische Architektur 
eine vollendete ist, auch ihre einzelnen Formen mit Nothwendigkeit aus 
der besondern Zusammenstellung der Theile hervorgehen müssen, diese 
Formen also nicht mehr dieselben bleiben können, wenn durch ein andres 
Princip der Struktur andere Beziehungen und Verhältnisse hervorgerufen 
sind. Doch wir setzen voraus, dass der Verfasser seine Ueberzeugung 
mehr durch unmittelbares Künstlergefühl, als durch obertlächliehes Rai- 
sonnement gewonnen habe, und erwarten die in den Kupfertafeln mitge- 
theilte Realisirung seiner Ideen.
        

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