Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507305
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Nachtrag. 
Barbarei und höchste hellenische Kunstblüthe sind eben in keiner Weise 
mit einander in Vergleich zu bringen, und wer dies thut, würde dem 
Gegner, der den Streit aus dem Sachlichen in das Persönliche überzn- 
spielen geneigt wäre, allzu gefährliche Waden in die Hand gegeben haben. 
Die plutarchischen ßaqzsfg, die man sonst wohl als Bemaler von Sculp- 
turen übersetzt hat, erklärt der Verfasser mit Welcker als die Meister der 
Metallmischung für kunstreichen Guss. Die Deutung mag richtig sein; 
jedenfalls ist es bekannt, wie hoher Werth im Alterthum auf diese oder 
jene Bronzemischung gelegt ward und dass das gediegene Verfahren in 
dieser Technik zur Kaiserzeit verloren war. Auch mag immerhin die 
sterbende Iokaste des Silanion, von Erz mit bleichem (silbergemischtem) 
Gesicht, solcher Technik angehört haben; obschon zu bemerken ist, dass 
hier eine Aneignung malerischen Effektes ersichtlich wird, der unbedenk- 
lich unter überwiegenden malerischen Elementen einer jüngeren Zeit, der 
des vierten Jahrhunderts, erstrebt wurde, dass die Wirkung jedenfalls 
nur eine äusserliche, conventionelle war (denn um darüber hinauszukom- 
men, hätte es einer, hier völlig unmöglichen Durchbildung des malerischen 
Tones bedurft), und dass es sich hier überhaupt schwerlich um etwas 
Andres als um einen vorübergehenden Versuch handelt.  Bedenklicher 
ist es mit dem ehernen reuigen Athamas des Aristonidas, dessen Schaam- 
röthe, wie Plinius berichtet, durch eine Eisenbeimischung  also durch 
eine Oxydirung dieses beigemisehten Eisens  hervorgebracht war. Eine 
Erzfigur mit bleichem Gesicht, wie die der Iokaste, können wir uns allen- 
falls vorstellen; eine erröthende Erzfigur (und gar zum Ausdruck reue- 
voller Schaam!) muss einem gesunden künstlerischen Sinne nothwendiger 
Weise ziemlich widersinnig erscheinen, die Berechnung auf den Oxydi- 
rungsprozess der Metallmischung einigerrnaassen fabelhaft. Mir ist es 
vielmehr glaublich, dass die Bronze des Athamas durch irgend einen un- 
vorhergesehenen Zufall jenen röthlichen Ton angenommen hatte und dass 
die künstlerische Absicht nachträglich hineininterpretirt wurde; der gute 
Plinius ist an Notizen über derartige Kunstkuriositäten nicht ganz arm.  
Der Verfasser geht freilich noch weiter, indem er aufs Neue, in ausführ- 
licher Mittheilung. die rednerischen Floskeln eines Kallistratus und Andrer 
über erröthendes Erz, über rothwangige Bronzestatuen  sogar die Aeus- 
serung des Hirnerius über die eherne (lemnische) Athene des Phidias, 
deren Schönheit sich, statt des Helmes, in solches Wangenroth verhülle, 
wörtlich nimmt. Eine mit Naturfarben illusorisch bemalte Statue ist aus- 
führbar und ist unter Umständen ausgeführt worden; ein partieller rother 
Anhauch, zum Ausdruck flüehtigsten Lebens, über einem Bronzebilde, 
w-elches durch seinen stoftlichen Farbenton von vornherein auf alle Illu- 
sion verzichtet, gehört, wie eben angedeutet, einfach in das Gebiet des 
Sinnlosen. Wer in jenen Aeusserungen, und gar mit Bezug auf Werke 
des Phidias, mehr sieht als Phrase, mit dem ist nicht füglich weiter zu 
streiten. Auch habe ich schon (I, S. 315, Anm. 3) auf die Widersprüche 
hingedeutet, in welche sich Kallistratus bei derartig spielenden Wenden" 
gen selbst verwickelt. 
Beiläufig kommt der Verfasser auch auf jene Stelle des Plinius (36, 
4, 10 der Tauchnitzschen Ausgabe) zu sprechen, in welcher von der Sta- 
tue der Hekate im Hinterhause des ephesischen Dianentempels die Rede 
ist und hinzugefügt wird, dass die Besucher durch die Aufseher erinnert 
Würden, vor der strahlenden Gewalt des Marmors ihre Augen zu hüten.
        

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