Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507207
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Fragmente 
Theorie äer Kunst. 
ZUI" 
Das architektonische System, in welchem das malerische Element zur 
vollen und entschiedenen Erscheinung kommt, ist das des sogenannten 
Rocoeo. Der Rococostyl hat von der Behandlung der Architektur im 
Sinne der Antike (auf welcher überhaupt dcr Kreis der modernen Bau- 
weisen fusst) die Massenwirkung beibehalten, die für das Malerische die 
zunächst erforderliche Grundlage ist. Er hat indess die strenge, herbe 
Festigkeit, die für die Anordnung der architektonischen Masse in der an- 
tiken Kunst so wesentlich bezeichnend, dabei aber der Entfaltung male- 
rischen Reizes noch minder günstig ist, als das vibrircnde Leben des go- 
thischen Baustyles, verlassen; er hat die Masse mannigfacher getheilt, Ü" 
gelegentlich einen weicheren Schwung gegeben, sie in einer Weise deko- 
rirt, dass die bedeutsamen Stellen dem Auge in strahlender Lebhaftigkeit 
entgegenspringen. Es bildet sich in solcher Art ein Wechselverhältniss 
zwischen den verschiedenen Theilen des Gebäudes, welches, je nach dem 
Charakter der Beleuchtung, das Auge mit eigenthümliehstem Rhythmus 
berührt, welches den vorragenden Liehtstellen, in ihrer oft sehr raftinirten 
bildnerischen Behandlung, eine, ich möchte sagen: edelsteinartige Wirkung 
giebt, diese von dem ruhigeren Schattentone der Tiefen frappant abstechen 
lässt und sie doch wieder durch bewegte Uebergänge mit denselben ver- 
bunden erhält. lst die Luft der Art beschallen, dass ihr Fluidum dem 
das Gebäude betrachtenden Auge mit Entschiedenheit sichtbar wird, so 
erhöht sie jene Licht- und Schattenspiele um ein Wesentliches, indem 
durch die grössere oder geringere Stärke ihrer Schleier jene Gegensätze 
nothw-endlg einen doppelten Reiz gewinnen, und sie, als selbständige 
Trägerin des Lichtes, die Reflexe desselben in die Tiefen hineintragend, 
das harmonische Gesammtverhältniss wesentlich erhöht. Es giebt unter 
den Werken des Rococostyles Treppenhallen, die mit ihren einfallend 
geschlossenen und in die verschiedenen Tiefen hineinspielenden Lichtern, 
 es giebt Verbindungen von Pavillons, Gallerieen u. dergL, die im 
Schimmer einer verschieden abgestuften Morgenbeleuchtung unbedenklich 
zu dem Vollendetsten an malerischer Wirkung gehören, was das ge- 
sammte Material der Geschichte der Baukunst aufzuweisen hat. Diese 
Verdienste der Gesammt-Composition dürften sich nicht selten auch in 
der Behandlung der architektonischen Details nachweisen lassen. 
Ueberhaupt möchte es für die Ausrundung der ästhetischen Würdi- 
gung der Architektur nicht unwichtig sein, diesen Beobachtungen an den 
einzelnen Denkmälern näher nachzugehen und dadurch die Gesetze des 
Malerischen in der Architektur umfassender und bestimmter darzulegen, 
als- bisher geschehen zu sein scheint. Es ist vielleicht der, durch so viel 
andre und oft so sehr gültige Umstände veranlasste Widerwille gegen den 
Roeocostyl, was der Durchführung derartiger Beobachtungen bisher hem- 
mend im Wege gestanden hat;  die neuste, flach dilettantistische Wie- 
deraufnahme von Rococodekorationen hat dafür noch keinen Ersatz geben 
können. 
Jedenfalls aber wird das Eine dabei festzuhalten sein: dass, wie zum 
vollen Verständniss des gothischen Baustyles ein volles.Versenken in den 
Lebenspuls seiner Formen nöthig ist, so der Rococostyl, als der aus- 
schliesslich malerische, ein entschiedenes Freihalten des betrachtenden 
Individuums von seiner Erscheinung, ein unbedingtes Gegenüber er- 
fordert. Das Gebäude des Rococostyles wirkt vor Allem als Bild, als ein 
mannigfaeh wechselndes je nach de'm Wechsel des Lichtes und der Luft-
        

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