Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507174
Ueber das Relief. 
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berufen ist. Auch ist dieser malerische Reiz für das Wesen dieses Reliefs 
fast ein Zufälliges; in näherem Verhältnisse steht. dasselbe wiederum zu 
dem architektonischen Element. Wie das griechische Relief vorzugsweise 
der architektonischen Füllung, so gehört dieses der architektonischen  
Masse an. Aber die Masse selbst wird hier als vonojener treibenden Le- 
benskraft erfüllt gedacht, welche in den Gebilden des hinausquellenden 
Reliefs zur Bethätigung und Gestaltung gelangt. Das griechisch behan- 
delte Relief hat also, als Dekoration der architektonischen Masse, ebenso 
nur den Anschein des Zufälligen und Willkürlichen, wie es diese Gattung 
des modernen Reliefs als Dekoration der architektonischen Füllung haben 
würde. 
So lange nun die architektonische Masse an sich mathematisch starr 
bleibt, so lange sie kein gegliedertes oder bewegtes Leben gewinnt, liegt 
in ihrer Dekoration mit derartigen Reliefs wiederum allerdings noch etwas 
Zufälliges, Disharmonisches. Nur für den Gedanken, für den trocknen 
Begriff, nicht aber in ihrer wirklich künstlerischen Existenz, hat sie jene 
Fülle von Lebenskraft, welche in dem vereinzelten Rcliefbilde hervor- 
springt. Eine höhere Einheit, eine höhere Stufe der künstlerischen Ent- 
wickelung stellt sich dar, wenn die Masse unmittelbar sich belebt und 
das Bild nur eben als das höhere Product solcher Belebung erscheint. 
Dies kann wiederum in verschiedenen Stufen der Entwickelung vor sich 
gehen. Auch die architektonische Belebung der Masse kann noch erst eine 
partielle sein, durch Medaillons, durch Waudstreifen, welche den eigent- 
lichen Grund der Reliefbildungen ausmachen und das in ihnen pulsirende 
Leben in einem architektonisch gegliederten Bande ausklingen lassen und 
durch dasselbe abschliessen. Dann kann die Masse selbst sich architek- 
tonisch gliedern, durch ein Pilastersystem u. dgl., und gerade diese Glie- 
derungen werden unter Umständen  wie uns manch ein schätzbares Werk 
des siebzehnten Jahrhunderts bezeugt  vortrefflich geeignet sein, Ge- 
stalten des höher organisirten Lebens mit freier Kraft aus sich hervor- 
treten zu lassen. Oder auch die Gesammtmasse" kann eine lebendig ge- 
schwungene, 0b auch rhythmisch beschlossene Form gewinnen, überall 
 stärker oder SCllWäClltll'  die ihr einwohnende Lebenskraft ankündi- 
gend und somit völlig geeignet, die letztere im Bildwerk hervorsprudeln 
zu lassen. 
Dies wäre der Gipfelpunkt der künstlerischen Entwickelung, um 
welche es sich hier handelt. Freilich aber liegt hier zugleich  und es 
bedarf wohl kaum des näheren Nachweises  die Gefahr der höchsten 
künstlerischen Ausartung unmittelbar zur Hand. Der Ausdruck der selb- 
ständigen Lebenskraft, der hier von der architektonischen Gesammtmasse 
gefordert ist  somit ihre bewegte Formation  steht im bedenklichsten 
Widerspruch zu der Ruhe und Stetigkeit, die sonst bei dem architektoni- 
schen Werke als unerlässlich erscheint. Wir sind, um es mit einem 
Worte zu bezeichnen, durch jene Betrachtungen schliesslich in die Mitte 
des entschiedenen Rococo geführt worden. lndess dürfte es günstiger 
sein, dem verrufenen Feinde geradaus ins Gesicht zu sehen, als ihm mit 
Verachtung oder aus Furcht vor lnfluenzen den Rücken zu wenden, 
Man wird sich vielleicht verständigen können. Von eigentlichen bau- 
lichen Anlagen wird bei der Forderung einer bewegten Formation der 
architektonischen Gesammtmasse überhaupt abgesehen werden müssen 
Aller sonst nahe liegenden Gründe dagegen zu geschweigen, so würde
        

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