Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507155
Ueber das Relief. 
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freier Bewegung gewährt, haben soll. Das Relief erscheint hier, sobald 
das Auge des Beschauers durch jenen Eindruck der Masse in Anspruch 
genommen wird, als ein auf die letztere aufgelegter und durch sie gebun- 
dener Zierrat. 
Fast durchweg hat das antike Relief, im Verhältniss zu seinem Grunde, 
diesen Charakter des Aufgelegten. Wie beim Flachrelief, so ptlegt dies 
beim stärksten Hautrelief der Fall zu sein, selbst da. wo  wie bei man- 
chen der späten Sarkophagsculpturen  die Gestalten sich fast ganz vom 
Grunde lösen. Der Grund ist in dieser Behandlung für das Relief nur 
der äusserlich materielle Halt. Zwischen dem Hautrelief und den Statuen- 
reihen, welche die dorischen Giebelfelder füllen, ist dann auch kein 
wesentlicher Unterschied; was bei jenem noch theilweise materiell an dem 
Grunde haftet, ist bei diesen nur eben ganz abgelöst, und der Grund 
wirkt wie dort, und wie beim Flachrelief, nur als das den Blick Ab- 
schliessende. 
Indess finden sich schon in der römischen Kunst Andeutungen von 
der Möglichkeit  und zwar der ästhetisch sehr wohlbegründeten Mög- 
lichkeit einer andern Auffassung und Behandlung des Reliefs. Das Ver- 
hältniss zur Architektur giebt auch hier den nächsten Fingerzeig. Die 
römische Architektur hat ursprünglich ein von der griechischen wesentlich 
abweichendes Formenprincip. lhr ist das Streben nach vollerer Massen- 
wirkung eigen und sie verräth, dem entsprechend, in ihren Gliederungen 
ein quellendes Leben, welches gegen die Straffheit in der Bildung der 
Gliederungen der griechischen Architektur sehr entschieden absticht. Nur 
ist jenes Grundelement der römischen Architektur nicht zur selbständigen 
Durchbildung gekommen, nur ist es durch die Aufnahme des griechischen 
Systems ßlllllschr verdunkelt, ist das ursprünglich freie Lebensgefühl der 
römischen Gliederungen durch die nüchtern schulmässige mathematische 
Construction ihres Profils abgetödtet worden. Ein ähnlich quellendes 
Lebcnißlßmßnt m11! lässt sich auch nicht ganz selten in der römischen Re- 
liefsculptur wahrnehmen, vorzugsweise da, wo dieselbe sich in ornamen- 
tistischer Composilißn, Z- B- ill Ilallbgßwindell, welche mit halben oder 
ganzen menschlichen Gestalten und mit Thierbildungen verbunden und 
durchtlochten sind, bewegt. In solchen Darstellungen vielleicht desshalb 
am Meisten, weil diese in unmittelbarem Bezuge zur Architektur stehen, 
während in der selbständig figürlichen Sculptur  etwa abgesehen vom 
Bildniss  das griechische Muster noch ungleich mehr bedingend war. 
In Sculpturen der ebengenannten Art macht das Relief zumeist den völlig 
entgegengesetzten Eindruck des Aufgelegten. Es quillt wie mit selbstän- 
digem Vermögen aus dem Grunde hervor. sich je nach den Bedingnissen 
der Cümposition hier noch erst leise lösend, dort dem Grunde sich noch 
weich anschmiegend, dort in entschiedener Kraft und Fülle sich hervor- 
hebend. Es ist, als sei in dem Grunde selbst die Lebenskraft vorhanden, 
die diese Erscheinungen hinaustreten macht. Es muss hier ein entschie- 
denes Wechselverhältniss zwischen Grund und Relief anerkannt werden; 
das inditlerente Verhältniss zwischen beiden, wie in der griechischen 
Kunst, ist hier verschwunden. 
Was in der römischen Kunst in solchen Anfangen vorliegt, ist in der 
modernen Kunst häufiger, mannigfaltiger und umfassender zur Anwendung 
gekommen, bis es in der neueren Zeit durch die Wiederaufnahme grie- 
chischer Sculpturstudien einstweilen beseitigt wurde. Nur ist in der m0-
        

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