Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507139
Ueber das 
Relief. 
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Bei Häuserfaeaden der jüngsten Zeit, wo die Fenster in einer Reihe 
von Stockwerken übereinander angeordnet sind, habe ich einen eigen- 
thümlicheu, gewiss principiellen Unterschied wahrgenommen. Es machen 
sich, in Rücksicht auf die bei den Fenstern angewandte Bogenform, he- 
sonders zwei Gattungen von Faeaden bemerklich. Die eine ist mit ge- 
wölbten Fenstern in der untersten Reihe, im Parterre, die andre mit eben 
solchen im obersten Stockwerk versehen, während bei beiden die Fenster 
der übrigen Reihen tlachgedeckt sind. Ich glaube nicht zu irren, wenn 
ich die Architekten der ersten Gattung als Rationalisten, die der zweiten 
als Idealisten bezeichne. Jene haben bei der Anwendung des Bogens 
ohne Zweifel seine materielle Construction im Sinne, die (im Verhältniss 
zu den tlachgedeckten Fenstern) die grössere Widerstandsfähigkeit gegen 
die darüber befindliche Last besitzt. Diese scheinen beim Bogen vorzugs- 
weise das Element des leichten EmpOrSchwingens zu berücksichtigen, 
welches naturgemäss da, wo es durch die geringste Last gehemmt wird, 
seine schicklichte Stelle findet. Beide haben Recht; aber um ihr Recht 
geltend zu machen, mussten sie auf die sehr verschiedenartige Behandlung 
des Bogens, je nach diesen verschiedenen Arten seiner Verwendung und 
der dadurch bedingten Principien, Rücksicht nehmen. leh habe indess 
nicht bemerkt, dass dies der Fall gewesen, und ich muss desshalb an- 
nehmen, dass die Architekten, von welchen jene Häuserfaeaden entworfen 
wurden, zum klaren Bewusstsein ihrer künstlerischen Absicht nicht ge- 
kommen sind. Vorhcrrschend zeigt sich der antike krummgebogene 
Architrav, der (so weit er überhaupt etwas ausdrückt) nur das Gesetz der 
Spannung zur Erscheinung bringt und also namentlich da, wo die geringste 
Last über ihm liegt, wo in der Bogenanwendung ein leichtes Empor- 
schwingen ausgedrückt werden soll,  am Obergeschoss  seine mindest 
passliche Stellung findet. Umgekehrt habe ich bei Bögen des Parterre- 
g6SCh0SS9S, unvermittelt mit der sonst durchgeführten künstlerischen Be- 
handlung der Facade, gelegentlich wohl die Andeutung einer leichteren 
Gliederung gefunden, die hier eben so wenig angemessen erscheint. 
Es sind vornehmlich neuere Bauten Berlins, auf die sich Vorstehen- 
des bezieht. 
Ueber 
das 
Relief. 
"Ueber das Basrelief und den Unterschied der plastischen und male- 
rischen Composition"  ist der Titel einer irn Jahre 1815 herausgegebenen 
Schrift von E. H. Toelken, die in völlig rneisterhafter Weise entwickelt, 
was über das Wesen des Reliefs vom classischen Standpunkte aus, d. h. 
nach dem griechischen Kunstgesetz, zu sagen sein dürfte. Es scheint, dass 
die Schrift in diesem Betracht einzig nur jenes weiteren Ueberblickes über 
das Material der alten Kunst entbehrt, dessen wir uns gegenwärtig, in 
Folge so viel neuer Entdeckungen und Forschungen, erfreuen. Aber das 
Wesen des Reliefs ist durch die Auffassung, welche demselben in der 
antiken Kunst vorherrschend zu Theil geworden, nicht erschöpft. 
Das antike Relief steht in gewissem Betracht der Malerei parallel, 
d. h. derjenigen Weise primitiv malerischer Darstellung, in welcher die
        

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