Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1507122
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Theorie 
ZUT 
Fragmente 
Kunst. 
der 
macht. Dies ist die der Zusammenreihung von Keilsteinen, welche, gleich- 
zeitig nach dem Centrum des Bogens strebend, sich gegenseitig in fester 
Schwebe halten.  
Der mittelalterlich gegliederte Bogen wirkt in lebendigem Spiele der 
Masse entgegen, die sich darüber erhebt, (wobei indess zu bemerken, dass 
diese Masse im gothischen Baustyl  bei dem leichtest geschwungenen 
Bogen  durch ihren anderweitig durchgeführten Organismus schon an 
sich als eine sehr wenig lastende erscheint, dass mithin in der Bogen- 
gliederung das Princip des Widerstrebens hier nur in mässiger Weise auf 
Berücksichtigung Anspruch macht.) Im Keilsteinbogen,  d.h. in derjenigen 
Behandlung des Bogens, welche diese seine materielle Construction zu- 
gleich zur wirksamen Erscheinung bringt,  wird dagegen durchaus das 
Gewicht der Masse vergegenwärtigt, die, nach einem Punkte abwärts 
zusammendrängcnd, in sich selbst ihren entschiedenen Widerstand findet. 
Der Keilstcinbogen ist also der bestimmtestc Gegensatz des gothisch ge- 
gliederten Bogens. 
Seine Ausbildung hat der Keilsteinhogen zunächst da, wo die De- 
taillirung der architektonischen Form sich unmittelbar an die materielle 
Construction anschliesst. So z. B. in dem modernen Bossagenbau. S0 in 
jenen frühmittelalterlichen Bauwerken (dergleichen u. A. in der Rhein- 
gegend vorkommen), wo man gern ein verschiedenfarbiges Material an- 
wendet; der Wechsel rother und weisser Farbe in den Keilsteinen lässt 
hier das Princip der Construction und ihrer ästhetischen  Wirkung dem 
Auge mit Entschiedenheit entgegentreten, wenn "dasselbe in diesen blos 
farbigen Unterschieden auch noch kein organisch formales Leben gewon- 
nen hat. Die maurische Architektur (die auch diese Verschiedenfarbigkeit 
der Keilsteine hat) scheint einen Ansatz zur höheren Durchbildung des 
Princips genommen zu haben. Dahin deuten zunächst schon, wie an den 
Pforten der Moschee von Cordova, die reichen Ornamentmuster, welche auf 
die einzelnen Keilsteine gelegt sind. Dadurch dürften auch jene mauri- 
sehen Zackenbögen,  von ihrer energischen Formation in altmaurischen 
Bauten bis zur spielenden Dekoration feiner Rillen in den spätesten Bau- 
ten dieses Styles, wie in der Alhambra,  die dem Auge eine Zerlegung 
des Bogens in seine einzelnen Theile gegenüberführen, zu motivireu sein. 
Es scheint indess, dass die Form des Keilsteinbogens noch nicht die- 
jenige ästhetische Durchbildung, deren sie fähig ist, erreicht hat 1). 
Ueberall ist der Bogen, je nach dem Zwecke seiner Verwendung, je 
nach dem Verhältniss zur Gesammtmasse des Baues und dem Charakter 
derselben, besonders aber nach dem Verhältnisse der Last, welche er zu 
tragen hat, sehr verschiedenartig durchzubilden. 
1) Der Zikzakbogen, der in der Periode des romanischen Baustyles und 
besonders häuiig an englischen Bauten vorkommt, würde, falls man ihn ästhe- 
tisch analysiren wollte, als auf einer Verbindung des Widersprechenden  des 
aufsteigend (oder umschwingend) gegliederten mit dem Keilsteinbogen beruhend 
zn bezeichnen sein. Die Form verräth aber in der That viel weniger ein 
bestimmtes ästhetisches, Bewusstsein, als vielmehr nur ein dunkel ornamentisti- 
sches Gefühl, welches, wie es scheint, den Eingang in das Heiligthnm mit einer 
Art von Strahlenglorie umgeben sehen wollte.
        

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