Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500387
Ex hoc beatam me dicent ovnnes generationes. (Luc. I. 48.) Murienbild 
aus der Anbetung der bei]. drei Könige, Frescogemälde in der 
Allerheiligen-Kapelle in München, von H. I-Iess. Professor. Gest. von 
H. Merz in München. Gedr. von H. Felsing in Darmstadt. 
(Museum 
1834, 
Es ist in neuerer Zeit wohl manchmal Klage darüber geführt und es 
ist auch manch ein spottendes Wort laut geworden, wenn Künstler. von 
den Wundern des wiedcrcrweckten Mittelalters berauscht, sich diesem 
übermächtigen Eindruck willig hingaben und in ihren Werken die Formen 
und Typen jener Zeit nachzubilden suchten.  Der Erfolg hat freilich Klage 
und Spott zumeist gerechtfertigt; jedoch nur, insofern er die subjektive 
Schwäche jener Künstler herausstellte, die entweder am Mittelalter gerades 
Weges zu Grunde gegangen sind oder, aus Furcht vor Letzterem, sich auf 
ein Gebiet geflüchtet haben, wo sie vielleicht durch Nachahmung brillan- 
ter Aeusserlichkeit die Menge bestachen, das Wesen indess so wenig wie 
dort zu erfassen im Stande waren. 
Heinrich Hess gehört nicht zu jenen Künstlern. Denn wenn es immer- 
hin Gestalten des Mittelalters sind, die er in seinen Bildern hervorge- 
rufen, so ist er doch der Meister, welcher diese Formen in seiner 
Gewalt hat und nicht, umgekehrt, von ihnen beherrscht wird. Zu solcher 
Meisterschaft ist aber ein reiner Sinn und ein ernster Wille nöthig, was in 
den Werken Jener vermisst wird, die statt dessen nur ein blödes Umher- 
tappen und nur eine prahlerische Eitelkeit kund geben. 
Es sind wundersame Schätze, die Heinrich Hess aus den Tiefen des 
Mittelalters emporhebt. Ich kenne die Gestalten jener Zeit gar wohl; ich 
habe oft in den dunklen Krypten halbverloschene Wandgemälde oder in 
Bibliotheken die Miniaturen verknitterter Pergamente nachgezeichnet; 
aber das Starre, Mumienhafte konnte meine Phantasie diesen Gestalten 
nicht entnehmen und es schien mir ein trüber Druck auf jener ganzen, 
sonst doch so reichen Zeit zu lasten. Erst als ich in die Allerheiligen- 
Kapelle zu München trat, und in den Fresken und Cartons von Hess die 
Urbilder jener Formen sah, schloss sich mir ihr inneres Wesen deutlicher 
auf; I-less hat ihnen eine lebendige Seele einzuhauchen gewusst. 
Das aber ist allerdings eine andre Frage, ob diese Erneuung des 
Mittelalters nun auch wahrhaft im Geist und Bedürfniss unserer Zeit sei, 
0b daraus sich ein gemeinsam gültiger Kunststyl für letztere entwickeln 
könne? Dies, glaube ich, müssen wir mit Nein beantworten. Es sind uns 
nicht  weder darin, noch überhaupt  künstlerische Typen aus der 
christlichen Urzeit überliefert; und wie das vierte und fünfte Jahrhundert 
die heiligen Gegenstände vollkommen ideal behandelten, wie das Mittelalter, 
nach vernichtenden Völkerstürmen, mühsam nach einer festen Gestaltung 
des Gedankens rang, wie die grossen Reformatoren des Cinquecento den 
Gedanken von dem hemmenden Gewicht archaistischer Typen befreiten, 
so sind auch wir nur auf die Stimme in unsrer eigenen Brust angewiesen. 
Das Mittelalter aber ist cin Andres als unsere Zeit. 
Das vorliegende Blatt stellt die heilige Jungfrau dar, auf alterthüm- 
liebem thronartigem Sessel sitzend, und das Christuskind auf ihrem Schoosse.
        

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