Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506941
richte, 
Kriti 
sterunge 
vorwiegentle Wirkung zu neutralisiren, die an die Stelle der individuell- 
sten Formenbevregung Linien und Massen von mehr allgemeiner, fast 
möchte ich sagen: mehr architektonischer Bedeutung zu setzen vermag, 
die somit die körperliche Gesarnmterscheinung zu demjenigen umwandelt, 
was sie für den in Rede stehenden Zweck in der That sein soll:  zum 
Unterbau und Träger des Kopfes. welcher die geistigen Organe zur An- 
schauung bringt. Es kommt darauf an, den Körper, diesem Princip ge- 
mäss, in ein ideales Gewand zu kleiden. Dies aber ist das antike und 
insbesondre (da das römische Kostüm im Einzelnen doch in modische Ver- 
hältnisse übergeht) das griechische Gewand. Das letztere war freilich ein 
solches, welches für ein bestimmtes Volk und für eine bestimmte Zeit seine 
Gemeingültigkeit hatte und insofern ein Zeitkostüm war; aber es theilt 
keinesweges die lixelusivität aller übrigen Zeitkostüuie. Es war ein un- 
mittelbares und entschieden bewusstes Product des künstlerischen Geistes 
der Griechen, die mehr und mehr die conventionellen Eliamente alter- 
thümlieh barbarisiretirler Kleidung von sich thaten und nicht rasteten, bis 
sie auch hierin (las einfachst Naive gewonnen hatten. Das griechische 
Gewand ist, ungleich mehr, als bei irgend einem der Völker primitiver 
Culturstufe, die völlig naturgemässe, all und jeder Künstlichkeit entfrem- 
dete, aber darum zugleich völlig künstlerische Umkleidung des Körpers: 
ein einfaches Gewandstück, der Chiton, zur engeren,  ein ebenso ein- 
fachesp das Himation, zur freieren Bedeckung. Das griechische Gewand, 
natürlich wie kein andres, folgt daher auch durchaus der natürlichen Form 
und Bewegung des Körpers; "es spricht sich darin, der stoftlichen Bedin- 
gung gemäss, eben nur der allgemeiner gehaltene Nachklang dieses Kör- 
perlichen aus. Seiner Natürlichkeit gemäss rnodificirt es sich daher nicht 
minder nach den Iligenthümlicltkeiten eines jeden Individuums, der Art 
jedoch, dass diese Eigenthümlicltkeiten sich wiederum in das ihnen ent- 
sprechend Generelle auflösen. Das griechische Gewand hat daher keines- 
weges nur seine Bedeutung für Volk und Zeit der Griechen; es hat eine 
absolute künstlerische Geltung. Und wenn wir dasselbe für ideale Dar- 
stellungen auch unsrer Zeit wiederum in Anspruch nehmen, so geschieht 
dies in der That aus wesentlich verschiedenen, viel mehr illrlßrlißhßn 
Gründen, als die waren, welche in der Roeoco-Zeit zu einer eben nur 
conventionellen Nachahmung antiker Kostüm-Elemente führten. 
Ich kehre nunmehr zu der Rauclfschen Skizze zurück. Beide Gestalten, 
in denen uns die Heroeu unsrer Poesie gegenüberstehen, tragen den (lhiton 
und das Himation (Tunika und Mantel); ausserrlem sind nur ihre Füsse 
mit Sandalen bekleidet. Doch ist die Art und Weise, wie Beide die 
Mäntel umgelegt haben. eine verschiedenartige, die, indem sie die Haupt- 
linien der Gruppe vortrefflich ausrnndet, zugleich schon in den Grund- 
zügen die verschiedene Charakteristik der lteiden Persönlichkeiten giebt. 
Goethe ist als der ältere Mann, der fest im Leben stehende, der vielseitig 
praktisch thätige gefasst; er hat den Matitel, wie im augenblicklichen 
Entschluss und ohne weiteren Vorbedaeht, leicht und frei umgeworfen, 
so dass derselbe über seinen beiden Schultern und in der Hauptmasse 
über der rechten Schulter und dem rechten Arme hängt. Schiller da- 
gegen, der zu seiner Linken steht, als der jüngere in das Leben eintre- 
tend, als der Mann, der den hohen Styl in der Poesie mit Entschieden- 
heit festhielt, hat im Tragen Seines Mantels mehr Repräsentation, indem 
er ihn nach classischer Sitte einerseits unter dem rechten Arm durchge-
        

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