Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506699
Meisterwerke 
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NVahl der Compositionen des vorliegenden Heftes nicht überall einver- 
standen erklären. Das erste Blatt enthält zwei kleine Darstellungen nach 
Steinle, Knaben in allegorisch gemeinten Vorgängen, mit erläuternden 
Spruchbänder-n:  ein Knabe auf einem Apfelbaum mit brechendem Aste, 
mit der Inschrift „Ex malo rnalnm" (doppelsinnig: von dem Apfelbaum, 
oder: vom Uebel das Uebel),  und ein Knabe, der eine Geige mit 
gesprungenen Saiten zürnend zu zertreten im Begriff scheint, mit de1' 
Inschrift „Nulla iides" (ebenfalls doppelsinnig: keine Saite, oder: kein 
Glaube). Man wird mir vermuthlich zugestehen, dass diese lateinischen 
Wortspiele ziemlich frostig sind; wenigstens hat nur das erste einen etwas 
tieferen Inhalt  auf den unheilvollen Apfel des Paradieses bezüglich,  
während ein solcher bei dem zweiten ganz fehlt. Denn wenn die Geige 
auch etwa die Weltlust bedeuten soll, so bleibt es doch unklar, warum 
ihre Saiten gesprungen sind und warum der Knabe so tliöritrht ist, das 
unschuldige Instrument zu zertreten, statt es mit neuen Saiten zu- be- 
ziehen. Die Darstellung des ersten Bildchens ist daher, bei dem verständ- 
lichen Vorgange desselben, auch naiver, die des zweiten aber ziemlich 
gesucht und pretiös herausgekommen.  Das zweite und das dritte Blatt, 
beide ebenfalls von Steinle, bilden Gegenstücke. Das zweite "enthält eine 
Eva, die, mit Fellen bekleidet und einen Spinnrocken in der Hand haltend, 
unter einem Baume sitzt, während ein Knabe ihr von einem niedrigen 
Aste einen Apfel herabreicht und Adam im Hintergründe mit Feldarbeit 
beschäftigt erscheint. Eva hat starke mächtige Formen, wie sie der Ur- 
mutter eines Geschlechtes zukommen; auch die Linien der Gestalt und 
ihrer Bewegung sind in zugleich schönen und derben Zügen geführt. Der 
Knabe ist schlank und leicht. Nur bei Adam wäre, zumal im Verhältniss 
Z11_ 5165er "Evfl, etwas grössere Energie zu wünschen gewesen; auch ist 
Sein gäsßllaftllclles Thun nicht sonderlich verständlich. Das dritte Blatt ist 
eine Sitzende Madonna mit dem Kinde in einer Glorie,  also die andre 
Eva, W18 sie die spielende Symbolik des Mittelalters, indem sie zugleich 
den „Ave"-Gruss rückwärts liest, bezeichnet, durch die gesühnt wurde, 
was jene verbrochen hatte. Die weite Gewandnng der Madonna bewegt 
sich in einem so majestätischen wie harmonischen Linientlusse; aber die 
Geberde ihres Kopfes und der Ausdruck ihrer Züge verrathen  zumal 
im Gegensatz gegen die Eva des vorigen Blattes  eine gewisse pietisti- 
sehe Befangenheit, und das Christkind in seinem langärmligen Röckchen, 
das sie halb in ihren Mantel eingehüllt hat und das mit seinen beiden 
Händchen das Kinn der Mutter fasst, ist nicht der Knabe, den weiland 
Christophorus wie die Last der Welt auf seinen Schultern fühlte. Diese 
Bemerkung ist nicht kleinlich und nicht eigenwillig gesucht:  mit dem 
Heiligen soll man einmal nicht spielen, und wenn es auch in noch so 
frommer Sentimentalität geschähe.  Der vierte Holzschnitt, in bedeutend 
grossem Maassstabe, enthält eine Genrescene nach Ph. Veit: das Gerüst 
eines Actsaales, auf dem das Modell sitzt, ein Knabe in der bekannten 
Stellung des Dornausziehers; zur Seite, im Winkel stehend, ein aufge- 
richtctes Skelett, das auf den Knaben niederzublicken scheint. Neben 
dem Skelett finden sich allerlei lateinische lnschriften, auf die Vergäng- 
lichkeit des irdischen bezüglich. Die Darstellung hat also wiederum sym- 
bolischen Inhalt. Einem solchen wäre aber ohne Zweifel mehr Genüge 
geschehen, wenn statt der sinnlich dürftigen Knabengcstalt ein mächtig 
gebildeter männlicher oder ein üppiger weiblicher Körper den Gegensatz
        

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