Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500324
64 
Berichte, 
Kritiken 
Erörterungen 
jene diktatorische Regel einer sogenannten Symmetrie bemerkbar wird, die 
un s gewöhnlich um alle Grazie und Anmuth bringen. Es ist die Woh- 
nung des Gärtners, zwei Häuschen mit einem kleinen Thurm als Belvedere, 
mit Lanbgängen umgeben und durch dieselben verbunden. 
Zunächst traten wir in den Hofraum zwischen den beiden Gebäuden. 
Hier bildet sich eine erhöhte Laube, die von Säulen und einer mächtigen 
Herme in altattischem Styl getragen wird und mit antiken Vasen und 
Fragmenten antiker Architektur und Seulptur dekorirt ist: in der Um- 
gebung von grünen Büschen und Blumen versteht man den Sinn der An- 
tike besser als in kalten Museen. An der Rückwand der Laube, wo jetzt 
verschiedene Vasen stehen, soll ein Relief von Rauch in 'l'erracotta, eine 
Baßßhanfill dafstßllelld, angebracht werden, und zu dessen Seiten zwei 
Löwenköpfe, die aus ihren Mäulern rothen und weissen Wein ergiessen. 
Seitwärts springt ein Wasserstrahl in einen antiken, mit Centauren ge- 
schmückten Sarkophag, und aus diesem weiter in die Blumen; in der Mitte 
des Eches, der in der Laube steht, ist ein Becken, mit beweglich mur- 
mein em Wasser gefüllt, das ein lebendigeres, eigenthümlicheres Accom- 
pagnement der Conversation bilden dürfte, als die bei den Novellenschrei- 
berinnen allgemein beliebte Theemasehine. Nach hinten, durch ein dichtes 
blühendes Hortensiengebüsch von der Laube getrennt, schliesst eine unbe- 
deckte steinerne Treppe den Hof ab; sie führt erst nach dem Häuschen 
zur Linken und dann hinüber zu dem Belvedere; es war anmuthig zu 
sehen, wie die Treppe sich belebte und die Gestalten durch das Grün der 
Lauben hier und dort hervorblickten. Aus dem Thurm kommt man, über 
das [lache Dach einer zierlichen Lege, in die oberen Zimmer des zweiten 
Gebäudes, die, für die eigne Benutzung des erhabenen Besitzers bestimmt, 
einfach, aber geschmackvoll dekorirt sind. Ein andres Treppchen führt von 
dem Thurm in einen zweiten grösseren Hof hinab, in dessen Mitte, von 
zierlichen Blumenbeeten umgeben, ein Wasserstrahl hoch emporsteigt. Ein 
von Pfeilern getragener Weingang führt hier von dem Belvedere zu einem 
kleinen Pavillon, dessen Portikus auf bezeichnende Weise aus viereckigen 
Pfeilern gebildet wird; im Innern des Pavillons ist die hintere Wand, in 
ihrer ganzen Ausdehnung, durch ein grosses, von Blechen gemaltes Bild 
des wundervoll gelegenen Tegernsee geschmückt. Dem Pavillon gegenüber 
zieht sich eine geräumige Arkade hin, die zur Aufnahme plastischer Werke 
bestimmt ist. Sie stösst an einen breiten, mit grünen und rothen Schling- 
pflanzen überwölbten Kanal, welcher sich seitwärts zu einem kleinen See 
erweitert; am Ufer des letzteren, in einer Nische, steht eine liebliche 
Bronzegruppe, ein Knabe, der auf einem Delphin reitet, nach Schinkels 
Zeichnung modellirt; der Delphin spritzt Wasserstrahleu in den See. 
Wie die innere Einrichtung dieser Wohnungen ebenso behaglich wie 
anmuthig, das Zusammenfügen derselben und die Verbindung zwischen den 
einzelnen Theilen ebenso bequem, wie scheinbar rücksichtslos in Bezug 
auf äussere Erscheinung ist, so geben sie von allen Punkten aus, bald im 
Wasser sich spiegelnd, bald durch Gebüsche halb Versteckt, das reizendste 
Bild, wie es der Pinsel eines in Italien gebildeten Landschafters nur er- 
finden kann. Es ist ein eigentlich plastisches Kunstwerk in grösserem 
Maassstabe, ein architektonisch-Landsehaftliehes Idyll. 
Mehrere Stunden waren unbemerkt unter dem Betrachten des Einzel- 
nen, unter dem Aufsuchen der Ansichten und Durchsichten hingegangen. 
Wir mussten uns von diesem liebgewordnen Orte trennen, wenn wir noch
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.