Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506388
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Berichte 
Kritiken, 
Erörterungen 
wir in die Landschaft hinaus. Das Bild ist offenbar mit Liebe erfunden 
und durchgeführt, es hat aber keinen Eindruck auf das hiesige Publikum 
gemacht; es sei eben kein Gegenstand für die Malerei, so sagt man. Dies 
muss ich vorweg ganz entschieden bestreiten; ich halte im Gegentheil den 
Gegenstand für so völlig künstlerisch, wie es nur einen geben kann. Es 
ist ein wundersamer Mythus. Irgendwo tliesst der Brunnen, dessen Trank 
die Menschen von den Gebrechen, mit denen sie Jahre lang behaftet ge- 
wesen, befreit. Sie wissen nicht, wo er fliesst, aber es ist eine Stimme 
in ihrem Innern, die sie auf den Weg treibt, Hohe und Geringe, Herrscher 
und Bettler, Männer der That und Männer des Gedankens, jedes Geschlecht, 
jedes Alter. Und nach langer mühevoller Pilgerschaft erblicken sie das 
segenvolle Wasser, und sie eilen darauf zu und schöpfen und trinken und 
reichen den lhrigen dar, und wer sich gesättigt, fühlt alsbald die wun- 
dervolle Heilung, die ihm zu Theil geworden. Warum sollte das nicht 
darzustellen sein, nicht in der Darstellung die schönste Wirkung hervor- 
bringen? aber es musste eben dargestellt werden, wahr und lebendig, wie 
es der Mythus sagt, nicht als zufälliges Symbol mit hin- und hersprin- 
gendem Gedanken , der stets doch etwas Anderes will, als was die Dar- 
stellung uns vor Augen bringt. Wir mussten es fühlen, wie es diese 
Personen ein Leben hindurch getrieben hat, bis sie die Quelle des Hcils 
gefunden; wir mussten statt des conventionellen sakramentlichen Anstan- 
des, den wir in solcher Situation nimmer zu begreifen vermögen, beredtc 
sinnliche Begeisterung vor uns sehen; wir mussten nicht Einen und noch 
Einen und wieder Einen in dieser und jener Geberde als Repräsentanten 
des so und so modificirten (und am Ende doch nur ziemlich willkürlich 
rnoditicirten) Gedankens zusammengestellt erblicken, sondern eben ein 
Ganzes, ein künstlerisch bewegtes Ganzes. Es sind, wie der Name v. Scha- 
dow's nicht anders erwarten lässt, ganz gute Einzelheiten in dem Bilde, 
aber sie kommen nicht zur Geltung, eben weil es an der künstlerischen 
Gesammtwirkung, an der wahren Intuition von Seiten des Künstlers fehlt; 
ja, ich bin sogar überzeugt, dass eine gewisse Trockenheit in Ton und 
Vortrag einer ungleich belebteren Behandlung gewichen wäre, hätte der 
Künstler auf dem Grunde solcher unmittelbaren gegenständlichen Anschau- 
ung gearbeitet. Das Bild ist wieder ein Beweis, und leider wieder ein 
negativer, dass in der Kunst nur Realität, nur Gegenständlichkeit, nur 
wirkliche Wahrheit zum Heile führen kann. 
Von Th. Hildebrandt ist ein Gemälde ausgestellt, das sich auf den 
Shakespeardschen Othello bezieht. Es ist ein Bild in länglichem Format, 
die Gestalten bis zum Knie sichtbar. Brabantio, der venetianische Sena- 
tor, sitzt mit seiner Tochter Desdemona auf einem Divan; ihnen gegen- 
über Othello, der kriegerische Mohr, der mit lebhafter Gebcrde erzählt 
und dem sie zuhören. Ein Knabe mit Gläsern und Erfrischungen steht 
hinter ihnen und horcht mit offnem Munde. Sie befinden sich in einer 
offnen Halle, die hinterwärts durch eine Gardine halb geschlossen ist, so 
dass ein leichtes Helldunkel sich um die Gestalten breitet. Hildebrandt 
hat augenscheinlich das Aufgehen der Liebe zwischen Desdemona und 
Othello darstellen wollen und scheint dazu besonders durch die Schilde- 
rung, die der letztere in dem Shakespeardschen Stücke hieven vor dem 
Herzoge ablegt, veranlasst worden zu sein. Othello erzählt, wie Brabantio 
ihn oft eingeladen und sich über all die merkwürdigen Abenteuer seines 
Lebens habe berichten lassen:
        

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