Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506368
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Berichte, 
Kritiken, Erörterungen. 
wirklich kleinen oder grossen Aufgaben giebt, dass Kleinheit und Grösse 
vielmehr nur in dem Künstler liegen. Es sind die schlichtesten Zustände 
norddeutschen, zumeist bäuerlichen Volkslebens, die er uns in seinen Bil- 
dern verführt  heitres Familiendasein, wo das Spiel der Kinder den 
Mittelpunkt ausmacht, Kätzchen, Hunde oder Ziegen, die sich demselben 
traulieh zugesellen, die kleinen Freuden, Sorgen und Kümmernisse. die 
diesen einfach gezogenen Gesichtskreis bewegen  und doch weiss er uns 
die innigste, herzlichste Theilnahme dafür abzugewinnen. Es ist nichts, 
durchaus nichts in diesen Zuständen idealisirt; aber Meyerheim hat den 
Blick für das inncrste llcrz des Volkslebens, für die Sittlichkeit und U11- 
schuld, die dasselbe gesund und schön machen. Er verschönert nichts, 
aber er ist überall schön; er opfert keinen Hauch der volksthümlichen 
Naivetät, aber er ist durch und durch von Grazie und Anmuth erfüllt. 
Und wie die Körpcrbildung seiner Gestalten, so ist  was hier zwar bei- 
läufig erscheint. worauf ich aber doch ein grosses Gewicht legen möchte 
 auch seine Gewandung überall in edelster Form entwickelt; er hat eben 
den Blick für den eigenthümlichen Adel der Natur und er schwingt sich 
daher aus den scheinbar unbedeutendsten Motiven zu einer Höhe des 
Styles auf, die ihr mit all euren Stylprincipien, mit all eurem gelehrten 
und wohl ausgeklügelten Schematismus von Faltenwurf u. dergl. nimmer 
zu erreichen im Stande seid. Er bildet seine Aufgaben mit der hinge- 
bendsten. nimmer rastenden Liebe durch, die auch den geringsten Neben- 
dingen einen vollkommenen Antheil gewährt, und er erreicht es damit, 
dass auch uns aus seinen Bildern dieselbe Liebe entgegentritt und wir 
uns von ihnen mit allem Zauber heimatlicher Innigkeit gefesselt füh- 
len. Er versteht sich meisterhaft, und ganz besonders, wenn er das In- 
nere der ländlichen Wohnungen malt, aufjencn Reiz malerischer Harmo- 
nie, dem dies kleine Dasein seine volle Befriedigung und Geschlossenheit 
verdankt. Soll ich endlich bei einem Künstler, den ich so sehr bewun- 
dere, auch noch einen Tadel aussprechen, so möchte ich nur bemerken, 
dass der Ton seiner Farbe mir zumeist um ein Vfeniges zu kühl erscheint, 
aber gerade auch nur um soviel, dass mit Zuversicht zu erwarten ist, die- 
ser Mangel werde in dreissig Jahren, wenn der Firniss der Bilder sein 
Recht ausgeübt hat, von selbst völlig verschwunden sein.  Mcyerhein; 
verdankt seine Entwickelung keiner Förderung von ausserhalb, keiner 
höheren Protection. Er besitzt nichts von dem Apparat ausserkünstleri- 
scher poetischer Interessen und philosophischer Ideen, mit dem sich sonst 
Mancher nach Möglichkeit ausrüstet. Er selbst hat mit treuem Ernst die 
Gottesgabe, die ihm verliehen ward, ausgebildet, und er wird bleiben, 
wenn Vieles verschollen und vergessen ist, was heut zu Tage noch als 
Zeichen einer neuen, ausbündigen Offenbarung verehrt wird. 
Von der Bildnissmalerei, der „milchenden Kuh" für die Künstler, 
habe ich, wie schon bemerkt, trotz der grossen Menge ihrer Leistungen, 
nicht viel zu sprechen. Doch ist es nöthig, einige Bildnisse, die dem 
höheren, selbständig künstlerischen Streben der hiesigen Meister angehö- 
ren, namhaft zu machen. So hat die Ausstellung, wie es seit Jahren der 
Fall zu sein pflegte, verschiedene Portraits von Personen der höheren 
Gesellschaft, von Fr. Krügers Hand, in der vornehm bequemßll, fass- 
lichen, sprechenden Weise, die seinen Leistungen überall eigen ist. Begas 
hat ein Bildniss des würdigen alten Akademiedirektors Schadow geliefert, 
das durch den geistvollcn, fein belebten Kopf ebenso wie durch die sorg-
        

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