Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506328
"ichtu 
kriti 
Lebenden  hat dem Ktlnstler ohne Zweifel klar Vßrgfäfhlvebti und 
(lenuoch dringt die Wirkung des Bildes, auch in otfner Eingebung an 
dasselbe, nicht in unser Inneres. Es fehlt eben an höherer Natureiufälli, 
auch wohl an Naturkraft. Adam und Eva, S0 Sßhl" (H9 Illtßntlfmen des 
Malers unverkennbar sind, erscheinen unentschieden in dem innern orga- 
nischen Zusammenhang ihrer Bewegungen; die Scala des malerischen Tons 
für das Ganze erscheint berechnet. Bei weitem die befriedigendste Wir- 
kung bringt die Gestalt des erschlagen daliegenden Abel hervor. 
Wieder einen ganz entgegengesetzten Eindruck macht die Arbeit eines 
jungen Künstlers, Pfa u nschmidt, der noch vor Kurzem als Stipendiat 
der hiesigen Akademie in Italien weilte und sich. wie es scheint, beson- 
ders der Richtung der Münchner Schule, eines Cornelius, Kaulhach u. s. w. 
anschlicssen will. Er hat einen grossen Carton. „Noah zieht in die Arche", 
zur Ausstellung gegeben. Noah und hinter ihm seine Familie, Paar für 
Paar, wandeln eine Felsschlucht hinab; er hat die Hände emporgehoben, 
den Zug der 'l'hiere gewissermaassen segnend und leitend, die, ebenfalls 
Paar für Paar, vor ihm hinschreiten und von denen die vordersten bereits 
die Fallbrücke der Arche ersteigert. Oben auf dem Rande der Schlucht 
sehen wir das Geschlecht der Menschen, dem das Verderben bestimmt ist, 
'l'anzende, Essende (auch Fresseude) und Andre, welche die Patriarchen- 
familie bei ihrem Zuge zur Arche verspotten. Das Ganze ist mit Sinn für 
edle Form und mit feinem Stylgefühle durchgeführt; aber es macht auf uns, 
wenn wir es ehrlich heraussagen, doch nur einen komischen Eindruck, 
und wir werden sehr geneigt, den Splittern Recht zu geben. Wir glauben 
es nicht, dass die" Leute oben so arge weltvernichtcnde Sünden begangen ha- 
ben; wir glauben es nicht, dass die Pietistenfamilie im Vorgrund ein neues 
Meuscheugeschlecht zu erzeugen berufen ist; wir glauben nicht an dieses 
polizeilich bescheidene Schreiten der 'l'itiere, die uns allzu lebhaft an die 
Thiere der Noahkasten, mit denen wir als Kinder spielten, erinnern; wir 
glauben nicht. dass diese nach gänzlich antinautischen (äesetzen construirte 
Arche Sturm und Wellen nur auf fünf Minuten aushalten wird. Wir Vßlh. 
langen überall in der Kunst. und um so ernstlicher und entschiedener, 
auf eine je höhere Stufe des Styles der Künstler sich stellt, volle Realität, 
d. h. Wahrheit; ohne das wird er uns nimmer überzeugen. 
Ein andrer Stipendiat der Akademie war Julius Schrader. Er war- 
zu uns mit dem grossen historischen Gemälde, eine Sccne der Eroberung 
von Calais durch Eduard 111., zurückgekehrt, welches er in Rom gemalt 
hatte und welches denselben ungetheilten Beifall, den es dort fand und 
von dem auch die Spalten lhres Blattes Widerhallten, bei uns empfing. 
Wie wir uns schon früher gefreut hatten, dass ihm von der hiesigen Aka- 
demie, ohne vorgängige Concurrenz und bloss auf ein vortreftliches Bild 
der hiesigen Ausstellung, der grosse Preis ertheilt war, so glaubten wir 
uns nach dem neueren Bilde den glänzendsten HoiTmingen für dies edle 
Talent hingeben zu dürfen. Leider jedoch scheint es, dass wir uns ge- 
täuscht haben. Seine diesmal ausgestellten Bilder  italienische Frauen 
und Kinder in einer Vigne, und eine Bacchantin, die mit jungen Panthcrn 
spielt,  haben nur noch die Vorzüge virtuosenmässiger Bravour, die die 
Pforte zur Manier ist; ein weibliches Brustbild hat auch diese Vorzüge 
nicht mehr. Möge der junge Künstler die abschüssige Klippe erkennen, 
auf der cr steht! und möge er sichigiirten, mit Ernst die grosse Bahn ein- 
zuhalten und das erhabene Ziel zu erreichen, dazu ihm, wie wenig An-
        

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