Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506274
Briefe. 
Berliner 
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uns der Frühling dieses Jahres bringen sollte. Wussten wir nur, dass mit 
dem Schluss der Ausstellung und des Frühlings auch diese Bescheerung 
beendet wäre; und stünde uns nicht vielleicht noch ein heisser Sommer 
und ein kalter Winter bevor! 
Lassen Sie uns die Linden entlang gehen. Die Bäume, unter denen 
Sie hier und dort bewegte Volkshaufen gewahr werden, blühen ruhig fort, 
wie sie es schon seit langen Jahren gethau. Auch dies alte Akademiege- 
bände befindet sich noch in derselben etwas ruinenhaften Verfassung, wie 
schon damals, als wir es dilettantistischen Muthes wagten, uns unter die 
Kunstschüler zu mischen, Es liegt aber doch eine historische Bedeutung 
in diesem ruinenhaften Zustande. Sie wissen: König Friedrich II. hatte 
hier seine Mauleselställe, über denen zuerst der Akademie einige Lokali- 
täten eingeräumt wurden. Als man hernach an derselben Stelle ein eignes 
Gebäude für die letztere, ohne weitere Berücksichtigung der lllanlesebl, 
baute, versäumte man es, den Grund für die Fundamente völlig zu reini- 
gen; die neuen Fundamente wurden von den Residuen der Feuchtigkeit, 
welche die früheren Inhaber zurückgelassen hatten, ergriffen und solcher- 
gestalt der Keim des Vcrderbens in das Gebäude gelegt, dem kein Kalk- 
anwnrf abzuhelfen vermag. Doch aber müssen wir es einstweilen gelten 
lassen, dass diese wüste Beschaffenheit des llllauerwerlts an die grosse Zeit. 
Friedrichs II. erinnert, obschon es allerdings im sehr dringenden Interesse 
der heutigen Zeit  ich meine die künstlerischen Interessen derselben  
sein mag, ein neues Gebäude über neuen und gereinigten Fundauieiiten 
zu errichten. 
Die jungen Männer mit schwarzem Federhut, leichtem Bart und blan- 
ker Muskete, welche den Eingang bewachen und in der dorischen Halle 
des Flurs gelagert sind, gehören unserm fliegenden Künstlercorps an, das, 
wie alldfe fliegende CQYPS, neben der Bürgerwehr den Zweck hat, für die 
Sicherheit unsrer Residenz zu sorgen. Schreiten wir muthig hindurch, die 
breite Steintreppe empor, deren Nischen oben in eigenthümlicher Auswahl 
mit der mediceisclten Venus, König Friedrich I. in sonderbar idealer Er- 
scheinung (Z- ß- mli 1105811, die bis an die Waden reichen) und König 
Friedrich Wilhelm II. in historischer Tracht,  die letztere Statue bron- 
zirt und in kolossaler Grösse. geschmückt sind. Es dürfte sich schon der 
Mühe verlohnen, das bei dieser Zusammenstellung befolgte Princip zu ent- 
räthseln; für heut haben wir aber keine Zeit dazu. Noch wenig Schritte, 
und die Säle, die sich in schier unermesslicher Ausdehnung hinziehen, 
nehmen uns auf, uns auf allen Seiten den Glanz ihrer frischen Farben. 
den funkelnden Schimmer ihrer Goldrahmen darbietend. Es ist, als 0b 
einem ganzen Volke ein glänzendes Fest bereitet sei. Aber das Volk ist 
aussen geblieben. Wir haben bei Betrachtung dieser Schätze wenig Stö- 
rung zu befürchten. Die armen Künstler, denen solche Aufstellung ihrer 
Werke zugleich als Markt dienen soll, werden von den leeren Räumen so 
wenig erbaut sein, wie Kaufinannsstand und Gewerbe von der diesjäh- 
rigen Leipziger Messe. 
Unser Besuch mag vor der Hand nur dem Allgemeinen gelten. Es ist 
wohlgethan, zu Anfang scheinbar ztvecklos durch die Säle zu schweifen 
und, ohne auf Einzelnes näher einzugehen, nur denjenigen Eindruck 
festzuhalten, den das Auge unwillkürlich empfängt und festhält. Gegen 
den Prunk der Goldrahmen, mit dem die neuere Kunst einen oft sehr 
Kugler, Kleine Schriften. III. 42
        

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