Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506219
Berliner 
Briefe. 
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'l'estan1ents zu denen des neuen festgestellt war, als vorbildliche Gegen- 
stände für die Momente des letzteren einführen wollen, muss es aber im 
Verlauf der Arbeit doch nicht für passlieh erachtet haben, in solcher Ge- 
genüberstellung fortzufahren.  
Es ist, wie gesagt, zunächst auf die Durchführung und Entwickelung 
des Gedankens in diesem grossen C-yklus von Darstellungen besonderes 
Gewicht gelegt werden, und ich habe bemerkt, 'dass ich in dieser Rück- 
sicht nicht ganz damit einverstanden sein könne. Ich muss mir erlauben, 
meine Behauptung etwas näher zu begründen. 
Schon das scheint mir bedenklich, dass in dem Uebergange von den 
Darstellungen der einen Wand zu denen der andern nicht die naturgemässe 
Folge beobachtet ist, sondern dass man springen muss. Sodann ist in der 
Folge der Darstellungen auf den einzelnen Wänden nicht dasselbe Gesetz 
festgehalten; einmal wird eine Hälfte der andern entgegengesetzt, ein an- 
dermal hat man von der Betrachtung der Mitte nach den Seiten, in wieder 
andern Fällen von den Enden nach der Mitte zu auszugehen. Jedes 
Hauptbbild steht natürlich mit der dazu gehörigen Lünette und Predella 
in- Verbindung; bei der zweiten Seitenwand ist dies aber nicht der Fall, 
indem hier die Folge der Predellen unter sich ein besonderes zusammen- 
hängendes Ganze ausmacht. Ich fürchte, dass schon die allgemeine Orien- 
tirung allzu schwierig sein würde, falls man den Besuchern nicht jedesmal 
ein förmliches Textbuch in die Hand geben will. 
Die erste Hauptwand (A) zerfällt in zwei etwas willkürliche Gegen- 
sätze: einerseits die äusserlichen Endziele des irdischen Daseins des Erlö- 
sers, Geburt undTod, andrerseits Hauptmomente seines irdischen Wirkens, 
die Hinwegnahme von Krankheit und Sünde. Es wäre leicht gewesen, 
hier ein innig verbundenes Ganze herzustellen, wenn der Künstler nämlich 
einfach das Bilddes Todes Christi an das Ende der Wand gesetzt hätte; 
die Aüürdnung hatte dann auch der der übrigen Wände mehr entsprochen, 
(llG Gcsammtbedeutung der ersten Wand hätte sich eindringlicher ergeben 
und die Zweite Hauptwand  die den Erlöser als den Besieger des 
Todes darstellt, hätte einen gewichtigeren Gegensatz gegen jene gebildet. 
Uebrigens ist es auffallend. dass Cornelius hier (an der ersten Wand) die 
unmittelbare Darstellung des Todes Qhristi, worauf doch im dogmatischen 
Sinn ein so wesentliches Gewicht zu legen war, vermieden und statt ihrer 
die elcgisch weichere, aber weniger bezeichnende der Grablegung und der 
Klage über dem Leichnam vorgezogen hat; auch dies trägt dazu bei, die 
Begriffe minder scharf heraustreten zu lassen. Die Wiederkunft desEr- 
lösers und die vorbereitenden Momente, wie diese die Vision des alt- 
christlichen Dichters erzählt (zweite Seitenwand D), bildet ferner den 
angemessenen Gegensatz gegen den Inhalt der beiden Hauptwände; die 
Scenen der Apostelgeschichte aber (erste Seitenwand C) erscheinen als 
eingeschoben. Sie haben einen beiläufigen Charakter für den lnhalt des 
Ganzen. Die grosse historische That, die grosse geistige Bedeutung der 
Erscheinung des Christenthums ist mit dem irdischen Dasein des Erlösers 
und dessen Ende vollständig abgeschlossen; wie wundervoll auch die erste 
Gründung der Kirche in jenem eposähnlichen Berichte erscheinen mag, es 
beginnt mit ihr doch die Einzelgeschichte und wo es sich, wie hier, um 
eine welthistorische Anschauung im höchsten Sinne des Wortes handelt, 
da würde neben ihren Einzelfakten auch noch gar manch ein hohes Ereig- 
niss aus dem "Lauf der folgenden Jahrhunderte "seine Stelle finden müssen.
        

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