Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506141
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Berichte, 
Flrörten 
Kritiken, 
mgm 
näheres Verhältniss zu treten. Oh er sich in den Beziehungen des hiesigen 
Künstlerlebttns thätig und wirksam erwiesen, ist mir wenigstens nicht be- 
kannt geworden; an unsern grossen Kunstausstelltingcn hat er keinen 'l.'hcil 
genommen. auch sonst seine Compositionen hier nicht zur öffentlichen 
Ausstellung gebracht, was er doch an andern Orten, wenigstens bei seiner 
letzten Anwesenheit in Rom, nicht verschmäht hat. Wir können seine 
hiesige Wirksamkeit im Wesentlichen nur nach dem einen, in der Raczyns- 
kilschen Gallerie befindlichen Bilde und nach den von ihm herausgege- 
benen Blättern beurtheilen. Er ist uns, wie es scheint, mit einer gewissen 
Absichtlichkeit fremd geblieben, und wir haben demnach um so weniger 
Anlass, einen andern Maassstab an seine neueren Werke zu legen, als in 
diesen selbst enthalten ist. 
Cornelius erstes Auftreten unter uns bestand in dem eben erwähnten 
Bilde, welches er für den Grafen Raczynski gemalt hatte und welches in 
dessen Gallerie aufgestellt ward, Christus unter den Erzvätern in der VQF 
hölle. Die Gallerie ist dem Besuche des Publikums täglich freigegeben, und 
Alles, was sich für Kunst interessirte, besonders diejenigen, die Corne- 
lius' Arbeiten in München noch nicht kannten, strömte dorthin, von der 
Richtung des vielbesprochenen Meisters eine Anschauung zu gewinnen. 
Aber  ich referire in diesem Augenblick einfach 'l'hatsächliches  ein 
Schrei des Unwillens zuckte durch die Stadt und machte sich selbst in 
einzelnen sehr beissenden Aeusserungen in den Zeitungen Luft. Sollten 
diese harten, schweren, zum Theil unvermittelten Farben für Malerei, diese 
körperlosen, im Einzelnen geradezu widernatürlichen Formen für Zeich- 
nung und Plastik, diese seltsam zurückgcwundenen Augen für Attsdrnek 
gelten? Sollte dies, zum Theil gänzlich apathische. zum Theil allerdings 
leidenschaftlich angeregte Zusammensitzen und Stehen eines Kreises Von 
Personen, in dessen Mitte ein mangelhaft organisirter Mann mit ausge- 
breiteten Händen stand. die Befreiung der Seelen des alten Bundes, die 
ihrer Erlösung Jahrtausende hindurch entgegcngeharrt, vorstellen?  
Auch diejenigen, die sehr wohl wissen, worin bis dahin Cornelius Gi-össe 
bestand, mussten schmerzlich das Haupt schütteln. Sie erkannten in den 
allgemeinsten Zügen der Composition wohl das ihm eigne Gesetz einer 
grossartigen Rhythmik, konnten aber nicht umhin, sich einzugcstelten, 
dass der Zorn des Publikums nicht eben ohne Grund sei, und wussten 
sich nur mit dem Gedanken zu trösten, dass auch Homer zuweilen schlafe. 
Schlimmer noch, obgleich ohne namhaften Eintluss auf das grosse 
Publikum, das überhaupt keinen andern Maassstah seines Urtheils für 
Cornelius erhalten hat als diese Vorhölle. war sein zweites Auftreten. Es 
war einer der 'l'age des höchsten Glanzes der eben zu Ende gegangenen 
achtjährigen Periode unsrer Geschichte gewesen. Ein prächtiges Hoffest 
war gefeiert, lebende Bilder, Scenen aus Tasso's befreitem Jerusalem. 
waren dabei mit allem Luxus, der für dergleichen nur beizubringen ist. 
zur Ausführung gebracht worden. Cornelius hatte die Entwürfe zu diesen 
Bildern geliefert; die schönen Gesichter und edeln Gestalten, die präch- 
tigen Stotfe, die frappante Beleuchtung hatten eine magische Wirkung 
hervorgebracht. Aber das Fest war vorübcrgegangen und die augenblick- 
liche Wirkung der Bilder war verrauscht. Da erschienen die Composi- 
tionen im Kupferstich, einfache Umrisse, doch im sehr grossen Maassstabe 
und mit grösster Sorgfalt und Eleganz herausgegeben, gestochen von
        

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