Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1506042
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Berichte, Kritiken, Erörterungen. 
zarte keusehe Hauch des Schinkelschen Geistes, t'ehlt ihr überhaupt das 
Gepräge der Meisterhaftigkeit. Ich will weniger mit der Zeichnung rechten 
(obgleich auch in Bezug auf sie einzelne erhebliche Bedenken zu machen 
wären) als mit der Farbe, die fast durchgehend den starren schweren 
erdigen Ton des Materials hat, fast nirgend jene edlere Schönheit der 
Schinkefschen Entwürfe uns vergegenwärtigt. Auch ist die Art und Weise 
der Farbe, je nach den verschiedenen Schülerhänden, allzu verschieden; 
rothe, grüne, braune Carnation wechselt nach Belieben. Nicht minder hat 
man sich zu allerlei Abänderungen errnüssigt gesehen, z. B. zu einer ganzen 
Menge von Schürzen, die man bei dem sittlich reinsten Künstler, bei einem 
Schiukel, für nothwendig zu halten im Stande war! Ja ich glaube, dass 
der ganz abweichende Eindruck, den das im Entwurf so besonders hin- 
reissende Bild der zweiten Langwand, mit der Darstellung einer Art phi- 
losophischer Kulturgeschichte des menschlichen Geschlechts, in der grossen 
Ausführung hervorbringt, von einer durchgehenden Abänderung herrührt, 
welche vornehmlich den Maassstab der Gestalten zum Verhältniss des 
Ganzen betrelfen dürfte. Wenigstens erscheint das Bild hier auf eine Weise 
überfüllt und überladen, die mir doch in dem Entwurfe nimmer entgegen- 
getreten ist.  Das Alles aber betritlt nur den ersten Grund. Es ist noch 
ein andrer vorhanden. Die Compositionen müssten trotz all der mangel- 
haften und willkürlichen Ausführung doch ihre schlagende Bedeutung be- 
haupten, läge nicht  in ihnen selbst ein Moment, das dem entgegen- 
wirkt. Wir müssen es uns eingestehen, mein Freund: wir haben gesehwärmt, 
und Schwärmerei ist nichts für die Dauer. Ich bin wahrlich fern davon, 
auch nur das leiseste schöne Gefühl, das jene Entwürfe in uns hervor- 
riefen, verläugnen, den künstlerischen Werth dieser Arbeiten jetzt, da 
andre Zeitrichtungcn aufgekommen sind, herabsetzen zu wollen. Aber 
der Werth, die Gilltigkeit dieser Compositionen beruhte vor Allem in der 
Individualität des Meisters; es sind seine subjectiven Ahnungen und An- 
schauungen von Welt- und Menschenleben, die er uns hier mit den wun- 
dervollen Mitteln der ihm subjectiv eigenthümliehen Phantasie verkörpert 
hatte. Schinkel stand wohl mit dem einen Fuss im Griechenthirnr, mit 
dem andern doch völlig in seiner Zeit, die aus der romantischen Durch- 
gangsepoehe sich herausgebildet hatte und die dem Rechte der Sirbjecti- 
vität, dem persönlichen Gedanken, soviel freien Spielraum gab. Seine 
Entwürfe sind musikalischen Cornpositionen gleich, in denen der Meister 
uns in die Zauberkreise seines Genius bannt, die aber wieder verschwim- 
men, wenn die Klänge verhallt sind. Wir können die Entwürfe jeder- 
zeit, wenn sonst unsere Stimmung dem entspricht, aus der Mappe neh- 
men und auf längere oder kürzere Momente uns dem Zauber dieses Genius 
hingeben; aber sie tragen nicht dasjenige in sich, was ihnen eine volks- 
thümlich monumentale Bedeutung giebt. Schon in dem grossen Maassstabe, 
ganz abgesehen von der Art der Ausführung, wirken sie anders; schon da- 
durch machen sie Anspruch auf eine Art von Realität, die sie doch nicht 
erfüllen. Fremd und selbst phantastisch treten sie dem Bedürfnisse des 
Volkes gegenüber, wo für sie keine eigentlichen Anknüpfungspunkte zu 
linden sind. Das monumentale Werk muss aus dem Bewusstsein des Vol- 
kes heraus geboren werden! Dies möchte eine der wichtigsten Lehren 
der Neuzeit sein. Wären SchinkePs Entwürfe noch unter seiner Leitung 
ausgeführt worden, so träten sie uns wenigstens als eigentliche Deukmale 
seines Genius entgegen. So aber sind sie auch das nicht einmal.
        

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