Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1505716
Veranlassung 
Zllf 
von Kunstwerken 
Ausführung 
etc. 
601 
des 'l'heaters auf die ganze Volksbildung möge es verstatten, dass diesem 
Punkte eine nähere Betrachtung gewidmet werde. 
Von einsichtigen Kennern der Bühne ist schon mehrfach auf überzeu- 
gende Weise dargelegt worden, dass ein Hauptgrund des allgemeinen Ver- 
falls, in dem die Bühne sich trotz der künstlerischen Virtuosität einzelner 
seltner Schauspieler befindet, darin beruhe, dass dem recitirenden Schau- 
spiel und der grossen Oper (vom Ballet ganz zu geschweigen) ein und 
derselbe Schauplatz angewiesen ist, dass hiedurch räumliche und scenische 
Einrichtungen auch für das Schauspiel herrsehend geworden sind, die mit 
dessen inneren Bedingnissen mehr oder weniger im Widerspruch stehen, 
und dass somit das erste Erforderniss zur Herstellung der Bühne in einer 
selbständigen Behandlung der äusseren Einrichtungen des Schauspiels nach 
dessen eigenthümlichen Gesetzen bestehen würde. (Die kleine geschlossene 
Scene für das Conversatiousstück darf als ein erster Schritt hiezu ange- 
sehen werden.) Doppelt gewichtig wird diese Bemerkung in Betracht der 
älteren Dramen, welche überall für ganz eigenthümliche scenische Ein- 
richtungen gedichtet zu sein pflegen und sich daher nur höchst selten der 
heutiges Tages üblichen Scene fügen. Die Folge hievon ist, dass Meister- 
werke, deren innere Composition nach den höchsten Gesetzen der Kunst 
aufgebaut ist, in der Regel auf die willkürlichste Weise verstümmelt 
werden, um sie für die heutigen Zwecke benutzbar zu machen, falls man 
überhaupt daran denkt, die reichen Schätze der älteren dramatischen 
Poesie der Gegenwart aufs Neue vorzuführen. 
Neben diesem äusseren Uebelstande ist aber auch aus inneren Gründen 
das Durcheinanderspielen älterer und neuerer Dramen an einer und der- 
selben Stelle höchst bedenklich. Jene sind eben der Ausdruck geistiger 
Richtungen und volksthümlicher Zustände, welche der Vergangenheit an- 
gehöfeüfmd flalfßr, S0 grossartig im einzelnen Falle auch das allgemein 
Menschllche m Ihnen Zur Erscheinung kommen möge, doch den Strebun- 
gen der Gegellwaft In gewissem Betracht fremd gegenüberstehen; sie müssen 
dies um S0 mehr, als die Poesie überhaupt (im Vergleich zu den übrigen 
Künsten) mehr Ausdruck des Gedankens ist und daher das. Geistesleben 
mit vorzüglicher Schärfe individualisirt. In eine Reihe gestellt mit den 
neueren Dramen, kann aber bei den älteren dies historisch Individuelle 
nicht zu seiner nothwendigen Berechtigung kommen; sie werden vielmehr 
unwillkürlich, von den Darstellern wie von den Zuschauern, stets nach 
dem Maassstabe der geistigen Richtung der Gegenwart aufgefasst und da- 
durch einem Völlig ungeeigneten Standpunkte des Urtheils Preis gegeben- 
Sie verlieren hiedurch ganz die eigenthümliche Wirkung, die sie  gleich 
den älteren Meisterwerken andrer Künste  hervorzubringen im Stande 
wären, und so ist man, zumal bei dem krankhaften und apathischen Zu- 
stande, der heutiges Tages das gesammte Bühnenwesen drückt, dahin ge- 
kommen, die Reproduction des Alten, soviel es sich nur thun lassen will, 
völlig aufzugeben. 
Ein solches Aufgeben dessen, was doch den vielseitigsten und bedeu- 
tendsten Einfluss auf das Leben auszuüben im Stande ist, kann aber vor der 
Uebersicht der gestimmten öffentlichen Kunstbedürfnisse nicht als gerechtfer- 
tigt erscheinen. Es dürfte vielmehr nur auf eine Erwägung der Mittel an- 
kommen, welche erforderlich sind, um auch dem Drama vergangener Zeit 
sein Recht auf eine entsprechende Reproduction zu sichern. Dies scheint 
sich indess ganz einfach und naturgemäss dahin zu gestalten: dass das
        

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