Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1505518
Eründung 
Künstlerische 
und 
Ausführung. 
künstlerische 
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Bei der Dichtkunst und der Musik scheiden sich Erfindung und Ans- 
führung zum Theil wieder wesentlich, und es treten hier zum Theil sehr 
eigenthümliche Verhältnisse hervor. 
In der Dichtkunst wird die sinnliche Vermittelung (die Ausführung) 
vielfach scheinbar ganz aufgegeben, da die allgemeine Bildung einen Jeden 
zur Lectüre des Dichtwerkes befähigt. Vollständig pflegt hierauf vor Allem 
die prosaisßhe Erzählung (der Roman) berechnet zu sein. Dann tritt je- 
doch, als nächste Vermittelung, die Kunst des recitirenden Vortrags hinzu, 
der eigentlich für die wahre poetische Composition überall Bedürfniss ist, 
indem er dem Dichtwerk erst sinnlich wirkende Existenz giebt und somit 
ausführt oder vollendet, was der Dichter selbst nur angedeutet hatte. Der 
einfache (unplastisclte) Vortrag des Dichtwerkes kommt indess gegenwär- 
tig, sofern es sich dabei um Ausübung einer wirklich künstlerischen Thä- 
tigkeit handelt, nur sehr selten zur Anwendung. 
ln der Musik sind Composition und Ausführung in der Regel völlig 
geschieden, und wiederum wird von den ausführenden Musikern bedeu- 
tendes Kunstvermögen und Kunstverstäindniss erfordert, da auch der Com- 
ponist die beabsichtigten Intentionen überall nur andeuten, nicht aber, 
wie der Architekt, bis ins letzte Detail vorschreiben kann. 
Ganz cigenthümlieh ist endlich das Vcrlfltniss der ausführenden 
Kräfte zur Composition in den für die {ilastisciie Darstellung  für die 
Bühne  geschaffenen Dicht- oder Musikwerken. Neben der zunächst 
erforderlichen sinnlichen Vermittelung durch gesprochener) oder gesun- 
genen Vortrag tritt hier, in der plastischen Ausführung, welche gleichzei- 
tig von dem Schauspieler verlangt wird, ein ganz neues, von dem Dichter 
oder Compouisten zwar empfundenes, aber auf keine Weise vorgebildetes 
Element hinzu. Der Schauspieler ist also derjenige unter den nur aus- 
führenden Künstlern, der am meisten eigne künstlerische Schöpferkraft 
besitzen muss. 
Bei den Künsten der Sculptur, der Malerei und der Poesie (bei der 
letzteren aber nur, sofern sie einen Gegenstand der Lectüre ausmacht) ist 
sonach die gesammte künstlerische 'l'hätigkeit in der des einzelnen Mei- 
sters abgeschlossen, während sich bei den übrigen Künsten Erfindung und 
Ausführung unterscheiden und die verschiedenartigen Kräfte, auf die es 
hiebei ankommt, gleichmässig Pflege und Berücksichtigung erfordern. Es 
tritt hiebei aber noch ein drittes Element künstlerischer Thätigkeit ein, 
welches ebenfalls, je nach den betreffenden Kunstfachern, auf Berücksich- 
tigung Anspruch hat: das der künstlerischen Direction, die bei der 
Ausführung von Werken der Architektur, der Gartenkunst, der mehrstim- 
migen Musik und der dramatischen Poesie erforderlich ist, Es liegt in 
der Natur der Sache, dass diese Direction am Angemesscnsten, wenn nicht 
durch den Erfinder selbst, so doch durch Meister des betreffenden Kunst- 
faches ausgeübt wird. So ist es auch in der Architektur, der Gartenknnst, 
der Musik der Fall; nur bei der dramatischen Poesie hat sich, in Folge 
der gesamrnten, von dem Theater schon seit lange eingeschlagenen Rich- 
tung, das sonderbare Verhältniss ergeben, dass man hiebei den Dichter, 
von dem doch das sicherste Verständniss des Dichtwerkes erwartet werden 
muss, am wenigsten in Anspruch zu nehmen pflegt.
        

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