Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1505241
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Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen. 
fen wird. Einzelne geniale Meister, einzelne verzogene Lieblinge der Zeit 
sieht man allerdings von den Geschenken der Glücksgöttin überschüttet; 
in die Thür Andrer ist es oft nicht gar erfreulich hinein zu schauen. Bunte 
Bilder und glänzende Rahmen zeigen uns unsre Ausstellungen; könnten 
sie uns die Geschichte ihrer Entstehung erzählen, sie würden uns manches 
Mal minder bunt bedünken. Man muss Künstler in Arbeit und Noth ha- 
ben hinsiechen und hinsterben sehen, um das Alles in seiner nackten 
Wahrheit empfinden zu können. Es ist dies zwar nicht eben ein Zustand, 
den die Welt erst heute kennen lernt; Künstlers Erdenwallen ist ein altes 
Kapitel. Aber so ausgebreitet, so häufig und wegen dieser einfachen 
Wiederholung so schmerzlich wie heut ist dieser Zustand vielleicht noch 
nicht dagewesen. 
Auch in der Künstlerwelt treibt die allgemeine Noth zur nächsten 
Abwehr. Zur Bildung von Unterstützuugsvereinen, wie deren in jüngster 
Zeit mehrere und an verschiedenen Orten, in Deutschland und ausserhalb 
Deutschlands, entstanden sind. Man sammelt durch festgesetzte Beiträge 
und durch den Ertrag künstlerischer, für die Zwecke des Vereins unter- 
nommcner Arbeiten Gelder, um damit dem vorzüglichst Bedürftigen unter 
den Genossen beispringen zu können; man forscht nach, wo einem der 
Genossen die bittre Sorge um seine und der Seinen Existenz am Herzen 
nagt und doch vielleicht ein edler Stolz ihn das auszusprechen hindert: 
man reicht ihm gern die Gabe mit verschwiegene-r Hand, ihm wenigstens 
einen Theil seiner Freudigkeit am Schaffen zurückzugeben. Das Bestreben 
ist schön, ist alles Beifalls würdig; aber all die einzelne, augenblickliche 
Hülfe wird den bedrohlichen Zustand des Ganzen auf keine Weise ab- 
wehren können. Dazu bedarf es andrer Maassregeln. 
Doch sind diese Unterstützungsvereine in tieferer Beziehung ein sehr 
erfreuliches Zeichen der Zeit; doch ist es vielleicht nicht zu gewagt, auf 
sie, sofern sie umfassendere Nachfolge und festere Consolidirung finden, 
anderweitige Hoffnungen für die Kunst selbst zu gründen. Es scheint 
mir, dass von ihnen aus sich ein' festerer genossenschaftlicher Zusammen- 
schluss der Künstler bilden kann, gewissermaassen ähnlich, aber zeitge- 
mäss umgeformt, wie es in ferneren Jahrhunderten die (zu den Handwer- 
kern gehörigen) Künstler-Innungen waren. An die Stelle der letzteren 
traten weiland die Akademieen, wo die Künstler unter festlichem Gepränge 
zusammen kamen, wo sie gleich den Leuten der Wissenschaft, Sitzungen 
und Reden hielten, wo aber insgemein, weil das Nichts dieser Einrichtun- 
gen doch schon von vornherein allzuklar zu 'l'age lag, den Sprechern eine 
besondre Belohnung für ihre Aufopferung, ein „Jetton" verheissen werden 
musste. Diese Art von Künstlerakademieen ist verschwunden. Aber Zu- 
sammenhalt thut dennoch den Künstlern Noth, weil es überall in der  
menschlichen Natur liegt, dass der Einzelne im Verbande mit Gleichstro- 
benden sich nothwendig gekräftigt fühlt, weil Ernst, Eifer, Treue, Ehre 
des Berufes dadurch gefördert und gehoben werden, wie durch kein an- 
dres Mittel, weil überhaupt die Kunst nur gross wird, wo eine Gemein- 
samkeit der Bestrebungen zu Grunde liegt. Gemeinsames Leben an einem 
Ort, Zusammenkunft aus geselligem Interesse, oder welcher zufälliger An- 
lass es sonst sein möge, schafft jedoch diesen Zusammenhalt noch nicht, 
der auf einer festen, gegebenen Nothwendigkeit beruhen muss. Ich sehe 
ihn in jenen Unterstützungsvereinen vorgezeichnet, in denen der 96110551 
sofern er sich überhaupt als ehrenwerthes Mitglied bcthätigt, sich am
        

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