Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1505142
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Kunstraisa 
im Jahr 
1845. 
in den Händen, während zugleich bei den „P0testates" die Kugel, aber 
in anderm Begriff, als Symbol der Ilerrschaft wiederkehrt. Glücklicher. 
weil einer viel einfacheren Anschauung angehörig, sind die Gruppen der 
Erzengel in den Stichkappen desselben Gewölbes, deren Begriff freilich 
ebenfalls nur durch das Zurückgehen auf den mittelalterlichen Gedanken 
klar wird. 
Bei Weitem das Vorzüglichste sind die Gruppen an den Hauptgewöl- 
ben, die das Walten des heiligen Geistes ausdrücken sollen: in den vier 
Feldern des Mittelgewölbes die Heiligen des alten Bundes, die Apostel des 
neuen und die Märtyrer, die Kirchculchrer und Ordcnsstifter, die Verbreiter 
und die Schützer des Christenthurns nebst den heiligen Jungfrauen; in 
den Feldern des einen Seitengcwrölbes die Evangelisten, in denen des 
andern die Kirchenlehrer. Diese Compositionen sind im Ganzen sehr 
großartig, weil es hier einfach auf traditionelle Ruhe und Stylistik ankam, 
mit der sich zugleich die persönliche Symbolisirung ganz wohl vereinigen 
liess. Die Gestalten der Evangelisten sind vortrefflich, die des Lucas 
namentlich höchst schön und bedeutend. Die Gestalten der Kirchenvater, 
deren Entwürfe und Cartons nicht von Cornelins selbst, sondern von 
Hermann, herrühren, sind ungleich schwächer.  
Die grossen Wandbilder haben das Walten des Gottes-Sohnes zum 
Inhalt. Geburt und läreuzigting, auf den Seitenwänden, stehen einander 
gegenüber. Beide sind stylistisch componirt, doch zumeist schwach in der 
Ausführung und unangenehm in der Gewandung. An dem Bilde der 
Kreuzigung machen sich im Einzelnen scharfe und selbst schöne Charak- 
tere geltend. Die kleineren Nebenbilder über beiden, von Hermann, 
sind wiederum unbedeutend.  Das Hauptbild, an der kolossalen Wand 
des Hauptaltarcs, ist das jüngste Gericht, das von Cornelins eigenhändig 
gemalt ist, während er die malerische Ausführung aller übrigen Bilder 
seinen Gehülfen überlassen hat. Aber auch dies grosse Werk ist ktlnst- 
lerisch ohne Wirkung; es hätte entweder mehr in architektonischer Strenge 
oder mehr in eigentlich malerischer (visionärer) Wirkung behandelt sein 
müssen. Es ist eben ein grosses Durcheinander in matt harmonischen 
Farben. Die technische Ausführung ist massig, die Gcwauduug wiederum 
unschön. Am meisten Geniales ist in den 'l'eufeln, auf der unteren Hälfte 
des Bildes. Aber auch dies, wie es hier vor Augen steht, ist doch eben 
nur eine Phantasterei, die das neunzehnte Jahrhundert schwerlich mehr 
für gegenständlich erachtet. Ueber das Verhältniss der Gemälde zur Ar- 
chitektur der Ludwigskirche habe ich bereits im Obigen gesprochen.  
Neben den Gemäldesälen der Pinakothek läuft der Corridor der 
Loggien hin, in dem es sich behaglich lustwandelt, und der so vielen 
mehr oder weniger freien Nachbildungen, welche das neue München in 
sich schliesst, nun auch ein Seitenstück der berühmten raphaelischen 
Loggien hinzufügt. Der Inhalt der Malereien, die arabeskenhaft und in 
kleinen Bildern den Raum ausfüllen und die bekanntlich ebenfalls nach 
Cornelins Entwürfen ausgeführt sind, gehört der Kunsthistorie an. Das 
Totale der Dekoration ist von sehr anmuthigem Eindruck, in reicher, edler 
Pracht, dem Style der vatikanischen Loggien ungefähr entsprechend. Es 
sind allerlei kunsthistorische Gedankenspiele, die in den symbolisch ara- 
beskenhaften Andeutungen meist einen sehr reizenden Eindruck machen, 
sich auch in den kleinen Kuppel- und Lünettenbiltlern dem Ornamentisti-
        

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