Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1505135
Reisenotizen. 
München. 
543 
Die Freskomalereien von P. v. Cornelius in. der Glyptothek, aus 
der griechischen Götter- und Heldenmythß, welche den Beginn seiner 
künstlerischen Thätigkeit in München bezeichnen, möchten wohl die glück- 
lichsten Arbeiten dieses Künstlers sein. Hier ist ein Gebiet der Poesie, 
in welchem er sich in genialer Unbefangenheit, Freiheit und Grösse ergeht 
und wo sich ihm geistreiche Gedankcnverbindungen ungcsucht darbieten. 
Das poetisch symbolisch Repräsentirende, was sein eigentliches Element 
zu sein scheint, ist in diesen Darstellungen die Hauptsache; wo der Steif 
vorzugsweise dazu geeignet war, zeigt sich naturgemäss auch die bedeu; 
tungsvollste Lösung der Aufgabe.  
S0 ganz besonders in dem Göttersaale, der zugleich wegen des glück- 
lichen Verhältnisses der Bilder zur Architektur äusserst erfreulich wirkt. 
Minder in dem trojanischen Saale; die Bilder werden hier zu gross, die 
architektonischen Formen treten zu sehr zurück und die Gestalten drücken 
auf den Beschauer. Dies ist doppelt unbehaglich. da das dramatische 
Element in den Darstellungen dieses Saales vorherrscht und der Künstler, 
gewaltiger Handlung zu genügen, in Manier übergeht. Wo indess wiederum 
das ruhiger Repräsentirende seine Stelle findet. wie Z. B. in den Haupt- 
gruppen der Zerstörung Tinja's, da macht sich aufs Neue seine Grösse 
geltend. Hier befindet sich auch diejenige Composition, die man vielleicht 
geradehin als das schönste und gediegenste von Cornelius Werken be- 
zeichnen darf, die monochrom gemalte Entführung der Helena, ein Bild, 
welches die edelste, unmittelbarste und reinste Darstellung des Gedankens 
in der körperlichen Form ist.  Die ganze malerische Behandlung dieser 
Fresken ist frßilißh Scharf, hart, conventionell; aber sie hat dabei zugleich 
noch etwas entschieden Primitives, etwas, das mit der keuschen Strenge 
der Kunstrichtungen des fünfzehnten Jahrhunderts noch durchaus paral- 
lel läuft.  
Die grossräumigen Fresken, die Cornelius in der Ludwigskirche 
ausgeführt, stehen in ihrer Gesammtheit, trotz sehr schöner Einzeltheile, 
gegen die der Glyptothek zurück. Sie sind der Entwickelung des dogma- 
tischen Gedankens gewidmet, und zwar in einer entschieden scholastischen 
Richtung, die mit der Naivetät künstlerischer Conception gelegentlich in 
einen bedenklichen Widerspruch geräth, sich gelegentlich auch mit dem 
Nothbehelf kleinlicher oder kaum auszudeutender Embleme begnügentmuss. 
So sieht man, an dem Bandgewölbe über dem Hauptaltar, den weltschaf- 
fenden Gott gleichzeitig in feuriger Bewegung und in unwandelbarer Ruhe 
dargestellt,  ruhig sitzend und doch mit dem Oberleibe gewaltsam' 
bewegt, was, der Natur der Sache nach, kein Bild reiner Erhabenheit 
gewährt. Die Embleme seines Schaffens sind Sonne und Mond, denen er 
mit der Rechten und mit der Linken ihre Bahnen anweist, und die Erde, 
auf der seine Füsse ruhen,  Andeutungen, die in der Vorzeit allerdings 
gäng und gäbe waren, weil sie der damaligen kindlichen Weltanschauung 
entsprachen, die aber für die tieferen Blicke, welche die neuere Zeit in 
den Bau der Welt gethan, eben nichts mehr sagen. Um ihn her sind Re- 
präsentanten der verschiedenartigen Engelchöre, ganz nach den Feststel- 
lungen der mittelalterlichen scholastischen Lehre. Hier werden die be- 
zeichnenden Embleme noch misslicher. Die Gestalten der "Scientiae" 
z. B. tragen, um das höchste Wissen von Zeit und von Raum anzudeuten, 
die kleinen irdischen Geräthe einer Sanduhr und einer Kugel nebst Zirkel
        

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