Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1505087
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Jahr 
Kunstreise im 
l845. 
aber nicht die constructive Naivetät des letzteren, er componirt mehr auf 
den künstlerischen Effekt, hat mehr wirklich künstlerisches Gefühl, das 
indess wiederum nicht zur wirklichen Classicität ausgebildet ist. Er sucht 
byzantinische Detaillirnng mit einer Art italienischer Gesammt-Anlage  
etwa nach den italienischen Analogiecn des fünfzehnten Jahrhunderts  zu 
verbinden, ist dabei in der Masse oft grossarlig, im einzelnen Detail zu- 
weilen glücklich, im eigentlichen Organismus aber schwer und wulstig. 
Es fehlt ihm eben der feinere, edlere Lebenssinn. Bei der Wiederholung 
ähnlicher Aufgaben kommt er denn auch dazu, die Ausführung willkür- 
lich zu moditiciren, das eine Gebäude in Haustein, das andre in Backstein, 
oder (wie an der Bibliothek) die untere Hälfte aus Baustein, die obere aus 
Backstein zu bauen, u. drgl. m. 
Unter seinen Pallastfacaden (am oberen Ende der Ludwigsstrasse) 
macht sich mit am Besten das ursprünglich für ein Fräuleinstift be- 
stimmte Gebäude, welches jetzt zu Privatwohnungen dient, eine einfach 
tlorentinischc Anlage, mit sehr breiten Fensterpfeilern. Dann, gegenüber, 
das reicher ausgebildete Bibliothekgebäude. Dann, neben dem erste- 
ren, das Blinden-Institut, mit vertretenden Portalen in italienisch 
mittelalterlicher Weise. Daneben, weiter hinauf, das Salinen-Admi- 
nistrationsgebäude, ganz aus Ziegeln (die indess doch bei Weitem 
nicht die Schönheit der Ziegel der Berliner Bauschule haben), oberwärts in 
dünnen Formen, mit Lissenen, die, sehr zurückstehend gegen die Energie 
der Lissenen des guten romanischen Styles, ohne eigentliche Wirkung Sind. 
Hierauf folgt, an der einen Seite des Thorplatzes, das kolossale Flüge]- 
gebäude der Universität. Die Eingangshalle derselben mit byzantini- 
schon Säulen; darüber venetianisch gothisirende Fenster, deren Formen 
nicht hinlänglich klar entwickelt sind. Die grossc Aula im Innern von 
unerfreulicher Wirkung; die Fensterarchitektur derselben nicht nach dem 
inneren Bedürfniss, sondern nach dem äusseren System angeordnet; unten 
byzantinischrgothische Fenster, hoch oben kleine Rundfenster, schwer- 
fällige Vlfandpfeiler, u. s. w. Der Universität gegenüber, am Thor, das 
Institut zur Erziehung adliger Fräulein, eine der besten Gärt- 
ner'schen Facaden. in der Fenstcrarchitektur mit spätgothischen Motiven, 
die gut wirken. Daneben das Priesterseminar, antediluvianisch roh, 
fast ohne Details und völlig wie ein Gefängniss.  Auf dem Universitäts- 
platz zwei springende Brunnen von Gusseisen, in schweren massigen For- 
men, doch mit guter Vertheilung des Wassers. 
Zu diesem Cyclus der Gärtnerlschen Gebäude gehört ferner die Lud- 
wigskirche. Die Facade derselben ist nicht gross hinaufgeführt und er- 
scheint durch ihre ganze Eintheilung, die kleine Eingangshalle, die hori- 
zontal durchschneidenden Friese kleiner als sie in Wirklichkeit ist. Die 
Thürme sind nicht schön, die Strebebögen über den Seitenscbilien in 
schwere byzantinische Arkaden verwandelt. Das Innere, eine einfach ro- 
manische Anlage bildend, hat eine allerdings grossartige architektonische 
Totalwirkung. Die Gliederung der Pfeiler ist sehr einfach, selbst roh. 
Die schwere Kapitälform, die Gärtner überall liebt (wie an den Gebäuden 
der Trinkhalle zu Kissingcn), gestaltet sich hier, bei prächtiger Detailli- 
rung, überaus nnerfreulicb; es ist eigentlich die elegante Barbarei der Ka- 
pitälform von S. Vitale zu Ravenna, die in der breiten Anwendung auf 
den Pfeiler doppelt barbarisch wird. Die Architekturthcile sind farbig, in 
mässig gebrochenen Tönen, dckorirt, was aber schon die architektonische
        

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