Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500186
Heilige Familie. Veni de Libano, Sponsa mea. Cant. Cantic. 
lV, 8.  Gemalt von C. Zimmermann. Nach dem Originalgemälde auf 
Stein gezeichnet von H. Kahler. Gedruckt in der Cottzüschen Äithogr. 
Anstalt in München von Thomas Kammerer. 
(Museum 
was, 
Das vorliegende Blatt ist ein neuer Beweis von der Treffliehkeit des 
Münchner Steindrueks, welcher, wie es scheint, durch die Strixnefschen 
Lithographiecn seine eigenthümliche Richtung erhalten hat. Wir möchten 
diese Richtung die deutsche nennen, indem sie, mit Verschrnähung eines 
französisch glänzenden Effektes, sich mit einfach unbefangener Wiedergabe 
von Licht und Schatten begnügt; wir glauben, dass es sich für uns sehr 
ziemt, eben in dieser Richtung nach grösserer- Vollendung zu streben, statt 
fremde Manieren nachzuahmen. Wie vollkommen diese Richtung sich mit 
Weichheit, mit Klarheit und Kraft verträgt, zeigt auch das vorliegende 
Blatt, und um so mehr, als in den tieferen Schatten, namentlich der Um- 
gebungen, sogar jene Feinheit vermisst wird, welche sonst eine grössere 
Klarheit begünstigt.  Was die Composition anbetrifft, so hat sie für uns 
zunächst das Interesse, der Münchner Schule anzugehören, welche so selten 
historische Gemälde nach Norddeutschland entsendet; der Typus einer 
gewissen Würde in den Gestalten, eigenthümlich grossartige Linien des 
Faltenwurfcs" sind das zunächst und gemeinsam Ansprechende dieser Schule, 
 Neben ihrem weinumrankten Hause, vor einer Brüstung, über welche 
man in die Landschaft hinaussieht, sitzen Maria und Joseph; sie hält den 
Christknaben auf dem Schoosse; vor ihr kniet die heilige Katharina, wel- 
cher sioh der Knabe verlobt. Die heilige Jungfrau ist eine hohe, edle 
Gestalt: bei den Andern aber ist mancherlei Unpassendes und Unschick- 
liches zu rügen. Der Knabe, nur mit einem schlichten Schurz bekleidet, 
ist bereits mindestens vier Jahre alt und sehr gross und stark, und doch 
sitzt er in aller Bequemlichkeit der Mutter auf dem Schoosse und hat sich 
sogar noch ein Sammtkissen untergelegt; die heilige Katharina ist ein 
Mädchen von dreizehn Jahren, und doch hatte sie die Vision dieser Ver- 
lobung, als sie bereits eine erwachsene Jungfrau war. Es war, wie es 
scheint, die Absicht des Malers, die Verlobung, die zwischen einer Jung- 
frau und einem Kinde befremdlich scheinen durfte, möglichst wahrschein- 
lieh zu machen; uns will indess eine solche Willkür nicht ganz erlaubt 
bedünken. Der heilige Joseph endlich, der etwas nüchtern und pietistisch 
zur Seite sitzt, ist als ein Mann von ungefähr achtunddreissig Jahren dar- 
gestellt; nach der Legende aber befand er sich bereits im hohen Greisen- 
alter, als er die Jungfrau heirathen musste; nothwendig also ist er als ein 
würdiger, liebreicher Greis darzustellen: anders rechtfertigt er alle Spöt- 
tereien, die ihm seit Giotto in reichem Maasse zu Theil wurden, Es ist 
zu wünschen, dass Künstler, welche heilige Begebenheiten darstellen wol- 
len, ein wenig in den Legenden des christlichen Alterthums erfahren sein 
mögen.
        

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