Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1504712
Ueber 
die 
gegenwärtige 
Lage 
Schule. 
Düsseldorfer 
der 
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namentlich in den historischen, oft eine nicht ganz erfreuliche ltlgnotonie 
vor-herrscht. Doch wird nicht nach den mittelmässigen Kräften, oder nur 
wenn diese das Uebergewicht haben (was aber hier keinesweges der F311 
ist), der Werth einer Schule beurtheilt werden müssen. Auch von wirk- 
lichen Rückschritten, wie man behauptet. ist nicht gar viel zu melden; 
im Gegentheil sind die vorzüglichsten Talente im schönsten Ringen vor- 
wärts hegriüen und ihre neueren Leistungen zum Theil ungleich gediegener 
als die früheren 1). Mag eine scharfe und unnachsichtige Kritik an den 
Werken der Düsseldorfer Schule vieles Einzelne immerhin mit Recht zu 
tadeln finden, mag sie ein oder ein andres Werk, selbst von namhaften 
Meistern, sich anzuerkennen gänzlich weigern; sie wird, wenn sie unpar- 
teiisch bleibt, in den übrigen Kunstschulen des heutigen Tages ebenso 
viele Mängel (hier und dort vielleicht noch mehr) bemerken, sie wird es 
bekennen müssen, dass das wahrhaft Gediegene hier dem wahrhaft Gedie- 
genen dort zur Genüge die Wage hält. Noch ist Lessing derselbe geniale 
Meister, der er früher gewesen; noch besitzt Sohn die überaus zarte Lieb- 
liehkeit seines Colorits; noch bringt die Landschaftschule unter Schirmer 
eine Fülle der ächtesten Leistungen hervor; noch ist die ganze Reihen- 
folge der Genremaler vorhanden und zählt ungleich mehr tüchtige Arbeiter 
als früher; noch ist A. Schrödter der Humorist, wie die Geschichte der 
Kunst keinen zweiten kennt, u. s. w. Den älteren Talenten haben sich 
jüngere von entschiedenster Bedeutung angereiht, wie z. B. der Genre- 
maler Ritter und der Historienmaler Schrader. welchem letzteren die Ber- 
liner Akademie, bei dem mangelhaften Ausfall der vorjährigen Concurrenz, 
als ganz ausserordentliche Ausnahme den grossen Preis zuzuertheilen sich 
veranlasst sah. Die Fresken im Rathhaussaale zu Elberfeld sind den Dar- 
stellungen ähnlichen Inhalts in München gewiss an die Seite zu stellen; 
auch unter denen zu Heltorf befinden sich der Mehrzahl nach sehr an- 
erkennungswerthe Leistungen. Der von Hühner erfundene und von allen 
bedeutenderen Künstlern der Schule ausgeführte Fries im Salon des Di- 
rectors von Schadow  die Lebensalter im Fortschritt der Tages- und 
Jahreszeiten darstellend  gehört unbedingt zu den lieblichsten dekora- 
tiven Werken unsrer Zeit. Die Fresken religiösen Inhalts, die Deger und 
seine Gefährten zu Apolliuarisberg begonnen haben, halten ebenso unbe- 
dingt den Vergleich mit Allem aus, was in ähnlicher Richtung unternom- 
men ist (z. B. mit denen von H. Hess in München). Endlich ist auch an 
die, nur vorwärts schreitende Tüchtigkeit so vieler Künstler, welche von 
Düsseldorf ausgegangen sind, zu erinnern, wie an Rethel, Becker, Achen- 
bach, Bendemann u. s. w. 
So ist das missliebige Urtheil des Publikums, im Grossen und Ganzen 
genommen, auf keine Weise zu unterschreiben, und doch ist es zu ent- 
schieden, zu allgemein verbreitet, als dass es nicht seinen positiven Grund 
haben sollte. ich glaube nicht zu irren, wenn ich den letzteren in der 
veränderten Zcitstimmung, dem veränderten geistigen Bedürfniss der Zeit 
suche. Die Glanzperiode der Düsseldorfer Schule war für Deutschland die 
Zeit geistiger Ruhe und Stille; man liebte es, sich in die inneren Zu- 
1) In diesem Betracht ist namentlich ein Gemälde von Sohn anzufiihren, 
eine freie Wiederhnlung seines Dianenbades, die durch höheren Adel, wahres 
Pathos und naiv durchgebildete Zartheit ungleich gediegener erscheint, als das 
erste Exemplar dieser Darstellung.
        

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