Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1504676
Ueber den 
Betrieb 
der monumentalen 
Glasmalerei. 
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ich sah deren einige von nicht unansehnlicher Grösse in der Arbeit, wobei 
ich natürlich aber dahingestellt lassen muss, wie es sich hiebei mit dem 
gleichmässigen Einbrennen der Farben verhalten möge. Bei den grösseren 
Compositionen, die in ein Wechselverhältniss zur architektonischen Um- 
gebung treten sollen, vermisste ich aber durchaus diejenige lineare Grösse 
und stylistische Klarheit, die die wesentlichste Grundlage einer monumen- 
talen Wirkung ausmacht. Hierauf, also auf cins der ersten Erfordernisse 
grossräumiger Glasmalerei, scheint in der Anstalt von Scvrcs gar keine 
Rücksicht genommen zu werden. Demgemäss ist denn auch für die Zu- 
sammensetzung der Glastafeln fast gar kein, in den höheren Bedingnissen 
des Faches beruhender Anhaltspunkt gegeben, und die Verbleiung wird 
nicht selten mit derselben Willkürlickeit durchgeführt, wie bei den älteren 
französischen Glasmalereien aus der zweiten Hälfte des löten Jahrhunderts. 
 Soviel ich in Erfahrung gebracht, sind die Glasmaler von Sevres aus- 
schliesslich, wie in den meisten Fällen, nur Copisten. 
Einige andere monumentale Glasmalereien, die ich in Paris sah, 
zeigen das Bestreben, das stylistische Element, welches den Arbeiten von 
Scvres mangelt, durch Willkürliches Anschmiegen an diesen oder jenen 
Typus mittelalterlicher Kunstrichtungen zu erreichen. Dies ist z. B. der 
Fall mit den Glasmalcreien im nördlichen Flügel des Quersehiffs der Kirche 
St. Eustache, eines Gebäudes, welches mit grossartig gothischcr Gesammt- 
anlage eine Formenbildung im eleganten Renaissancestyl verbindet. Das 
Dekorative dieser Glasmalereieu wiederholt den Styl der Architektur des 
Gebäudes, während die Figuren in ziemlich strenger Weise den Typus 
einer früheren Zeit, etwa der um das Jahr 1400 üblichen, befolgen. Als 
Verfertiger dieser Glasbilder wurde mir ein gewisser Thevenot genannt. 
Noch seltsamer machen sich die ziemlich zahlreichen Glasrnalereien, mit 
Welche" d"? släälgßthische Kirche, St. Germain l'Anxerrois bei ihrer neuer- 
lich erfolgten RÜSiEaUTatIOD geschmückt ist. Vielleicht in Anerkennung der, 
im Obrgen von nur erwähnten, aber natürlich nur bedingungsweise gülti- 
gen Verdienste, welche die Glasmalerei in ihrer ersten Blüthenepoehe hat, 
ist man hier dahin gekommen, den grösseren Theil dieser Glasbilder voll- 
ständig im Charakter des 13ten Jahrhunderts, mit allem Befangenen und 
Conventionellen jener Zeit, ausführen zu lassen. Dies hängt übrigens mit 
gewissen einseitigen Prinzipien zusammen, die man in Frankreich bei der 
Restauration mittelalterlicher Monumente, theilweise wenigstens, absicht- 
lich zu befolgen scheint. 
Ungleich bedeutender als alles Uebrige, was ich von französischer 
Glasmalerei gesehen, und wiederum zu dem Besten heutiger Zeit gehörig 
sind die Glasgemälde, welche die Fenster der neuerbauten Kirche St. Vin- 
cent de Paul zu Paris schmücken. Die Kirche ist nach den: System der 
Basiliken und zwar, soviel es der Baumeister- Herr Hittorf  nur im 
Stande war, in möglichst entschieden griechischen Formen ausgeführt. Die 
Fenster haben daher nicht die Dimensionen gothischcr Kirehenfenster und 
auch nicht die Form derselben, vielmehr die eines einfachen Rechteckes. 
Nach einer sehr sinnigen ldee des Architekten sind die Seitcnaltäre der 
Kirche stets unter den Fenstern angebracht, so dass die lürbernakeel-Archi- 
tektnr, mit denen er die Fenster umfasst hat, stets den Allaraufsatz ver- 
tritt und das Fensterbild selbst das Altargemälde ausmacht. Jedes Fenster 
enthält, solcher Bestimmung entsprechend, die Gestalt des Heiligen, wel- 
Kugler, Kleine Schriften. lll. S?
        

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