Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1504608
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Kunstroise 
Jahr 
1845. 
tretend und durch eine Gallerie oder Plateforme von dem Untergeschoss 
getrennt, ein Obergeschoss, dessen Mauern, etwa 68 Fuss hoch, von acht 
schlanken Pfeilern und I-Ialbkreisbögcn im Innern der Kirche getragen werden. 
Darüber ruht eine mächtige aus Eisen construirte achteckige Kuppel von 
etwa 117 Fuss Durchmesser. Auf den acht Ecken des Gebäudes schiessen 
schlanke durchbrochene Thürme empor und auf der Spitze der Kuppel 
erhebt sich ebenfalls ein leichter Thurm. Der Rue Royale gegenüber und 
der Breite derselben (60 Fuss) entsprechend, ist die Kirche mit einer rei- 
chen Vorhalle mit Säulen geschmückt. Der Styl der Kirche ist der Ilaupt- 
saehe nach byzantinisch oder romanisch und sie wird auch speziell als ein 
Bauwerk byzantinischen Styles bezeichnet; doch ist derselbe, zumal in der 
reichen Dekoration, womit die Kirche versehen ist. sehr frei behandelt. 
So ist z. B. das brillante Stab- und Sprossenwerk der grossen Fenster in 
der Weise des gothischen Baustyles angeordnet, Andres neigt sich mehr 
zur antikisirenden Form hin u. s. w.1) 
Es konnte nicht fehlen, dass ein architektonischer Entwurf, der so 
sehr von den herkömmlichen Regeln eines Palladio und sonstiger Italiener- 
abwich, bei den Männern von Fach lebhaften Widerspruch finden musste, 
und es entwickelte sich selbst eine völlig entschiedene Opposition, die dem 
jungen Künstler den Sieg zu entreissen strebte.. Man liess der erwähnten 
Jury vorstellen, dass nicht bloss die Kühnheit der materiellen Construc- 
tion tansendfache Bedenken gegen die Ausführbarkeit des Planes erwecke, 
sondern dass derselbe zugleich auch so wenig der erwähnten Lokalität, 
wie der Styl überhaupt der Geschmacksrichtung des neunzehnten Jahrhun- 
derts entspreche. "Sollen wir (so hiess es) die schöne Uebereinstimmung 
unsrer Bauanlagen so befremdlich unterbrechen? Sollen wir in die embryo- 
nischen Zustände des fünften Jahrhunderts zurückkehren und in einem 
Style bauen, der für kleine Kapellen (wobei man vielleicht an die Kapelle 
St. Ferdinand bei Paris dachte) geeignet sein mag, aber nie für grosse 
Kirchen, die nicht füglich anders als im Renaissancestyl zu erbauen sind "P" 
Die Aeussernngcn der Opposition, die Hrn. van Overstraeten behufs seiner 
weiteren Rechtfertigung vorgelegt wurden, gaben ihm aber nur Gelegen- 
heit, die Bedeutung seines Planes nach allen Seiten hin zu entwickeln 
und gründlich darzulegen, wie gerade die bisher befolgte Weise nie zu 
einem wahrhaft würdigen Kirchenbau führen könne, wie hiezu im Gegen- 
theil ein, wenn auch bedingtes Zurückgehen auf die Formen des Mittel- 
alters nöthig sei. Ebenso war er vollkommen im Stande, die angeregten 
constructiven Bedenken zu erledigen, was ihm auch um so leichter werden 
musste, als die Gegner den Plan so oberflächlich betrachtet hatten, dass 
von ihnen die Eisenconstruction der Kuppel für eine Holzconstruction an- 
gesehen und hierauf einer der heftigsten Vorwürfe gegründet war. 
Es liegt in der Natur der Sache, dass dieser Kampf mit der auf Seiten 
des Alten stehenden Opposition und der Sieg über dieselbe dem Entwurf 
des Hrn. van Overstraeten nur eine noch grössere Bedeutung geben musste, 
und es wird derselbe somit, wie schon oben angedeutet, nur um so mehr 
eine Nachwirkung auf die heutige Architektur in Belgien und auf die 
Erweckung derselben zur Theilnahme an dem neuen Entwickelungsgange 
ausüben. 
1) Wobei 
kommt. 
GS 
dann 
freilich 
nicht zur 
rechten 
inneren Auflösung 
der Formen
        

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