Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1504589
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Kuustreise 
Jahr 
1845. 
dem antiken Schulzwange frei zu werden, die Formen der mittelalterlichen 
Bausysteme zu Hülfe gerufen. Gelegentlich hat man sich dabei auch dem 
einen oder dem andern dieser Systeme so gänzlich dahingegeben, dass de!" 
Geist der Neuzeit wiederum verläugnet und die eine Dienstbarkeit nur mit 
der andern vertauscht wurde, was eben nicht als Fortschritt zu betrachten 
sein dürfte. Zumeist aber hat man durch das Studium der mittelalter- 
lichen Systeme eben nur ein breiteres Material zu gewinnen und dasselbe, 
zumal bei der aus der Antike gewonnenen guten Vorbildung, mit freiem 
Sinne zu bearbeiten gesucht. Ein neues System kann hieraus natürlich 
sofort nicht hervorgehen; aber wir können wohl hoffen, dass solches Streben 
der Uebergang zu demjenigen Systeme ist, welches den Ausdruck des For- 
mensinncs unsrer Zeit ausmachen wird. 
Am meisten ist in dieser Beziehung bis jetzt von deutschen Archi- 
tekten geschehen. Berlin hatte das Glück, in Schinkel einen Künstler 
zu besitzen, durch den die griechische Architekturform in wunderbarer 
Reinheit wiederhergestellt und zugleich der Beginn einer neuen selbstän- 
digen Richtung mit voller künstlerischer Consequenz vorgezeichnet wurde. 
Ich meine hiemit besonders das Gebäude der Bauschule in Berlin, eine 
jener seltenen Schöpfungen, die nur dem Genie gelingen und die auf eine 
lauge Folgezeit hin ihre Nachwirkungen auszuüben im Stande sind. Lei- 
der sind jedoch diese Wirkungen noch nicht in dem Maasse eingetreten, 
wie es wohl zu wünschen gewesen wäre. Wenn Schinkels Schule auch 
noch immer die feine Geschmacksbildung des Meisters vertritt, so hat sich 
daneben doch zugleich die französische Renaissance, bis in den Rococo 
hinab (wie in dem erneuten Innern des Opernhauses) geltend gemacht. 
Semper in Dresden hat sich, nach strengem Studium der griechischen 
Monumente, veranlasst gesehen, bei dem dortigen Schauspielhause eben- 
falls bunte Renaissance-Iformen, bei der Synagoge byzantinische und im 
Innern selbst maurische Formen anzuwenden etc. ln München hatte 
v. Klenze die Antike, theils unmittelbar nach dem Muster der Alten, 
theils nach der neuitalienischen Behandlung des sechzehnten Jahrhunderts 
vertreten; neben ihm ist durch v. Gärtner eine Art romanischen Styles 
zur Herrschaft gelangt, während die dortige schöne Aukirche durch Ohl- 
mülle r in gothischer Weise ausgeführt wurde, und auch andre Architekten, 
wie z. B. Metzger, trotz seiner strengen Studien in Griechenland, dem 
mittelalterlich gothischen Systeme entschieden den Vorzug geben. Hübsch 
in Carlsruhe verfährt als Architekt, nach nicht minder strengen gi-ieehi- 
sehen Studien, in einer Weise, die man im Vergleich mit andern geistigen 
Beziehungen der Gegenwart füglich als eine unabhängig rationalistische 
bezeichnen kann. während er sich in dem ideellen Theile der Kunst doch 
vorzugsweise der Tradition des romanischen Styles zuwendet. v. Las- 
saulx in Coblenz baut ebenfalls in romanischer Weise, während Zwirner 
in Köln die Studien, die er bei der Restauration des dortigen Domes ge- 
macht hat, zu eignen architektonischen Werken gothischen Styles ver- 
wendet u. s. w. 
in Italien, von wo aus sich der antikisirende Architekturstyl der letzten 
Jahrhunderte über die Welt ergossen hatte, ist man, soviel mir bekannt, 
von dem Vorbilde der grossen Meister seit Brunelleschi noch nicht abge- 
wichen; Italien zählt aber auch überhaupt für die geistigen Bewegungen 
der Gegenwart nur wenig mit. Ebenso herrscht dieser italienische Styl, 
mit Modißcationen der einen oder der andern Art, der Hauptsache nach
        

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