Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1504541
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im 
Kunstreise 
Jahr 
1845. 
Verwirrung, Thiere, Männer, Weiber, Kinder, das mannigfaltigste Lager- 
geräth, Alles bunt durch einander; die schönen Töchter des Befehlshabers 
sind im Begriff, aus den Sänften des umgerannten Karneeles, das sie aus 
der Verwirrung retten sollte, hinabzustürzen. Weiterhin wenden sich die 
Araber zur Flucht ins Freie. Das Bild ist die wundervollste Erzählung, 
die je der Pinsel eines Malers hingezaubert hat; die ganze Romantik des 
Krieges von Afrika, der ganze Widerstreit zwischen den Söhnen der Cultur 
und den Kindern der Wüste ist darin enthalten; und Alles frisch, warm, 
natürlich, unbefangen, wie sonst nur in den höchsten Meisterwerken. Das 
technische Vermögen des Künstlers ist fast räthselhaft. Horace Vernet hat 
an dem kolossalen Bilde nicht ein Jahr lang gemalt. Der französische 
Witz hat dies unglaublich Scheinende auch sofort ausgebeutet und eine 
Karikatur hervorgebracht, die den Meister darstellt, wie er zu Pferde mit 
Pinsel und Palette an der langen Leinwand vorüber galoppirend, das 
Bild malt. 
Gchen wir von diesen Darstellungen neuster Ereignisse rückwärts 
zu der grossen Masse derjenigen Bilder, deren Gegenstand vergangenen 
Tagen angehört, so sind zunächst einige Gemälde mit Vorgängen aus dem 
Anfange der grossen Revolution des vorigen Jahrhunderts hervorzuheben. 
Vor Allem ein imposantes Bild von Couder: die Versammlung der Etats 
generaux am 5. Mai 1789. Die Aufgabe war unendlich schwierig; eine 
feierliche, nach strengstem Ceremoniel geordnete Assernblee ohne Anden- 
tung irgend eines dramatischen Vorganges zu malen und doch mehr zn 
geben, als eine blosse Sammlung von Bildnissen, dies scheint fast über 
das Vermögen der Kunst hinauszugehen. Dennoch hat Couder das fast 
Unglaubliche möglich gemacht. Das Bild, bei dem man schräg durch den 
Saal blickt, macht in der That einen ächt künstlerischen Eindruck. Wie 
eine Phalanx ist die Schlachtordnuilg der Glieder des Tiers-Etat. unter 
denen sich Mirabeau kühn erhoben hat, zwischen die Reihen der beiden 
oberen Stände eingeschoben; im Hintergründe der Glanz der königlichen 
Tribüne und der Logen mit den Damen. Vor Allem wirken die Massen 
des Bildes, obgleich das Einzelne keineswegs untergeordnet ist, vielmehr 
sich durch ebenso meisterliche Virtuosität der Behandlung, wie durch un- 
befangene Naivetiit der Anordnung auszeichnet. Auch hier ist wahrhaft 
historische Darstellung und vor Allem jene malerische Stimmung, die uns 
die Grösse des Moments ahnen lässt. Aehnlich, wenn auch nicht eben so 
bedeutend. sind cin Paar andre Bilder derselben Epoche, namentlich die 
figurenreiche, doch in bestrhränkterem Maassstabc gehaltene Darstellung 
des grossen Föderationsfestes auf dem Marsfelde, von Couder, und der 
Ausmarsch der Pariser Nationalgarde zur Armee, von Cogniet. Von 
den inneren Ereignissen der Revolution sind übrigens nur wenig Darstel- 
lungen vorhanden. Der Grund hievon wird in dem speciellen Zwecke 
des Museums liegen, über den ich hernach noch einige Worte werde hin- 
zufügen müssen. 
Vielleicht hat die Nähe der Revolutionszeit auf die eben genannten 
Bilder noch belebend eingewirkt. Bei Weitem die Mehrzahl der Gemälde, 
die sich mit den Ereignissen früherer Zeit beschäftigen, und namentlich 
die. welche Scenen des Mittelalters zum Gegenstande haben, sind dagegen 
minder befriedigend. Die verschiedenartigsten künstlerischen Richtungen 
gehen in diesen Werken an uns vorüber, ohne dass es darin zu einer 
grossen Gesammtrichtllng käme. Es fehlt den Malern vor Allem an einem
        

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