Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1504483
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Kunstreise 
Jahr 
1845. 
solcher Art. Nur gelegentlich und besonders in der späteren Zeit des 
Mittelalters, wo ein gewisses realistisches Element in der Kunst vorherrscht, 
wird dem historischen Bedürfniss insofern eine leichte Conccssion gemacht, 
als man Bildnissgestalten von Zeitgenossen, zumeist als Zuschauer, in die 
grösseren Bilder heiligen Inhalts aufnimmt. 
Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts erhielt Raphael, damals 
zwanzig Jahre alt, einen für die Zeit seltenen Auftrag zu wirklich histo- 
rischen Compositionen. Es galt, die Hauptmomente aus dem Leben des 
Aeneas Sylvius, der als Papst den Namen Pius II. geführt hatte und im 
Jahre 1464 gestorben war, bildlich darzustellen. Nach RaphaePs Zeich- 
nungen, von denen sich zwei erhalten haben, wurden die Compositionen 
durch Pinturicchio, den eigentlichen Unternehmer der Arbeit, und unter 
seiner Leitung in der Libreria des Domes zu Siena auf die Wand gemalt. 
Die Compositionen sind des raphaelischen Geistes würdig, besonders in 
jenen beiden Zeichnungen, wenn auch die höhere freie Kraft des Meisters 
hier noch nicht ersichtlich wird. Die Aulfassung und Behandlung ist aber 
noch entschieden subjektiv; statt der historischen Individualisirung haben 
wir es hier noch mit den herkömmlichen Typen der Schule Peruginos zu 
thun. In spätere Arbeiten Raphaels klingt zuweilen ebenfalls noch das 
historische Element hinein, aber es gewinnt auch hier keine selbständige 
Geltung. Im Heliodor, in der Messe von Bolsena, zweien der berühmtesten 
Gemälde RaphaePs, die zu dem Cyclus seiner WVandmalereienfim päpst- 
liehen Palast zu Rom gehören, wird der Bezug der Darstellung auf die 
historischen Verhältnisse der Gegenwart wiederum nur durch das Hinzu- 
fügen von Portraitgestalten angedeutet. In den Borten einer Anzahl der 
Tapeten, die nach Raphaels Gartens gewirkt wurden, sind Darstellungen 
aus der Geschichte Papst Leo's X. enthalten; dieselben sind aber, wenn 
auch eigcnthümlich geistreich, durchaus in die antike Anschauungsweise 
übersetzt, so dass auch hier von unmittelbarer Vergegenwärtigung des 
Geschehenen nicht die Rede sein kann. 
In der Zeit nach Raphael kommen, ähnlich wie es in jenen Malereien 
der Libreria zu Siena der Fall war, allerdings ab und zu umfassende 
historische Aufgaben vor, in denen der Sinn der Künstler sich, wennschon 
ebenfalls noch nicht auf durchgeführte historische Individualisirung, S0 
doch auf markige Lehensfülle hinrichtet. So schon in den Malereien, 
welche Taddeo Znccaro um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts 
im Schlosse Caprarola, unfern von Rom, ausführte und welche die Gross- 
thaten des Hauses Farnese zum Gegcnstande haben. S0 in der grossen 
Reihenfolge von Gemälden, in denen Rubens die Geschichte der Königin 
von Frankreich, Maria de' Medici, darstellte. Diese Gemälde befinden sich 
gegenwärtig im Pariser Museum. Sie zeichnen sich, wie es überall in 
Rubens Bildern der Fall ist, durch die Frische und Kraft des Lebens aus- 
aueh der eigenthümliche Portraitcharakter der einzelnen Gestalten ist au: 
genscheinlich auf sprechende Weise wiedergegeben. Dabei aber war es 
gar nicht die Absicht des Künstlers, dem Beschauer wirkliche historische 
Vorgänge vorzuführen. Fast durchweg sind den Gestalten der realen 
Existenz Wesen eingemischt, die nur der Phantasiewelt angehören; die 
Götter und die Halbgötfer des antiken Olymps, in tlämischer Körperfülle 
wiedergeboreu, steigen nieder, an den Geschicken der Königin Theil zu 
nehmen. Apoll, Minerva, Merkur und die Grazieu lassen sich ihre Er- 
ziehung angelegen sein; Hymen trägt ihre Schleppe bei der kirchlichen
        

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