Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503807
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Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen 
sich fünf Stufen, und über diesen ein Piedestal, auf welchem die Säule 
ruht. Der Schaft ist ein Monolith von Granit, ein wenig über 22 Fuss 
hoch. Das Kapital von Marmor ist korinthischer Art. mit Adlern, dem 
Symbol des prcussischen Wappens, auf den Seiten. Es trägt eine kolos- 
sale Bronzestatue der Victoria, von Rauch, die, in der Linken den Palm- 
zweig haltend, mit der Rechten den Siegeskranz gegen die Stadt erhebt. 
Das Ganze hat vom Strassenptlaster eine Höhe von 58 Fnss; doch ist, um 
dem Denkmal auch für den Standpunkt aus der Ferne eine möglichst 
imposante Erscheinung zugverschaffen, der ganze Boden des Platzes bis 
weit in die benachbarten Strassen hinein ansehnlich erhöht worden, was 
nächst den mannigfachen Kanalbauten. die (lübei nöihig Würden, Wßhl der 
vorzüglichste Grund war, wesshalb die Vollendung des Werkes sich so 
lange hingezögert hat. Eine Inschrift findet sich an dem Monumente nicht 
vor.  Die Schleifarbeit des Granitschaftes ist in der Werkstatt des Bau- 
raths Cantian erfolgt und giebt, ebenso wie die grosse Granitschale vor 
dem Museum, ein merkwürdiges Beispiel von der Vollendung in dieser 
Technik, die sich der alt-ägyptischen in der That zur Seite stellen kann. 
Ausserdem dient das Denkmal zur wirksamen Dekoration der genannten 
Gegend der Stadt, die in solchem Belange seither etwas stiefmütterlich 
bedacht war; auch dürfte ein gefi-illigerer Neubau des Thores und seiner 
mesquinen Seitengebäude, die jetzt zu dem Denkmal einen sehr auffälligen 
Contrast bilden, die nächste Folge dieser ersten Verschönerung sein.  
Betrachten wir das Denkmal aber mit künstlerischem Auge, so können 
wir uns mit seiner Composition nicht sonderlich einverstanden erklären. 
Abgesehen davon, dass die Säule über dem breiten und kahlen Unterbau 
nothwendig dünn erscheint, dass die viereckigen Stufen mit der Rundforin 
des Unterbaues nicht übereinstimmen wollen, dass der Säulenschaft un- 
canellirt ist, mithin nicht lebendig aufwärts strebt, so ist die ganze Er- 
scheinung der Säule unbefriedigend. Es fehlt ihr alle künstlerische 
Selbständigkeit, Originalität und Energie. Es ist eine todte Nachahmung 
antiker Säulenform , die doch nur ihre Bedeutung in der Säulen reihe, 
unter dem gemeinsamen Gebälk und in dem Organismus eines grösseren 
Ganzen, des Tempelgebäuties, hat. Hier fehlen diese Bedingungen, und 
doch sind die Bezngnahmen darauf beibehalten, während umgekehrt auf 
die in sich abgeschlossene Entwickelung, die eine isolirte Säule mit Noth- 
Wendigkeit erfordert hätte, keine Rücksicht genommen ist. Besonders 
unangenehm macht sich in diesem Betracht das Kapital, dessen Deckplatte 
mit den Voluten darunter an den vorspringenden Ecken ganz so beibehal- 
ten ist, wie es in andern Fällen durch einen darüber liegenden Architrav 
nöthig gemacht wird; aber statt des Architravs sehen wir hier nur die 
runde Bronzcbasis, auf der der eine Fuss der Victoria ruht, so dass gerade 
an dem wichtigsten Punkte der architektonischen Entwickelung dem orga- 
nischen Gefüge der vollständigste Querstrich gemacht wird. [leberhaupt 
fehlt es an allem gegenseitigen Verhältniss, auch in den Maassen, zwischen  
der Säule und der Statue.  Wir hatten gehofft, dass unsre Architektur 
sich endlich von jener todten und missverstandenen Nachahmung der An- 
tike emancipiren würde; wir wollen auch diese Hoffnung noch nicht auf- 
geben, müssen dabei aber sehr wünschen, dass dies Werk, dessen Com- 
ponist uns unbekannt ist, nicht als Beleg für die neuere Richtung unsrer 
Architektur gelten möge. 
Im Uebrigen concentrirt sich die künstlerische Thätigkeit an öffent-
        

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