Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503766
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Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen. 
durch die Belgier so mächtig wirkten. Und dann, wenn ich mir etwa 
Overbeclds Meisterwerke, wenn ich mir die Schöpfungen Ihrer grossen 
Meister von München in die Erinnerung zurückrufe, welcher gedanken- 
volle Ernst, welche besonnene Einfalt, welches majestätische und zugleich 
anmuthvolle Gleichrnaass in Formen und Linien! und in allen diesen 
Dingen wiederum, eine wieviel höhere Entwickelung als bei jenen Bel- 
giern! Aber  tritt uns auch in den Werken dieser Meister jene volle 
Unmittelbarkeit der Existenz entgegen? müssten wir nicht vielmehr Gefahr 
laufen, auf diesem Wege, ohne weitere Entwickelungsmomßnfß, gar in 
eine conventionelle Manier zu gerathen? und sind im Einzelnen nicht schon 
dießymptome davon zu erkennen? Wir haben Grosses erreicht, um das 
alle unsre Nachbarn uns beneiden müssen; aber sollen wir darum stehen 
bleiben? Stillstand ist Tod, in der organischen Welt, wie in der des 
Geistes. 
Seien wir aufrichtig, lieber Freund! Unsre Kunst hatte bisher ein 
gewisses exclusives, ich möchte sagen, aristokratisches Element in sich. 
Sie entwickelte sich  ich mcine unsre neuere Kunst  in einem zers 
fahrenen Zeitalter, in welchem auch die kräftigsten und rüstigsten Talente, 
 deren es gar wohl unter unsern Vorgängern gab, auf der Bahn des Alten 
keine neuen Erfolge mehr zu erreichen vermochten. Da zogen sich die 
Geister, welche den Puls der neuen Zeit in sich fühlten und den Drang 
zu einer neuen Gestaltung des Lebens in ihrer Brust trugen, von dem Ge- 
wühl des Marktes zurück und liessen in ernster, gedankenvoller Stille das 
NVerk solcher Erneuung reifen. Dass sie den rechten Weg eingeschlagen, 
bezengte ihnen die bewundernde Anerkennung der Besten ihres Volkes 
Aber sind glücklicher Beginn und Vollendung schon eins und dasselbe? 
Man fühlt es den Werken dieser Männer an, dass sie aus der, allerdings 
nothwendigen Zurückgezogenheit, aus der Contemplation, aus der geistigen 
Flucht vor dem Leben entstanden sind; die hohen Resultate, die sie brin- 
gen, stehen dem Leben dennoch in einer gewissen Entfernung gegenüber, 
Daher  verzeihen Sie, wenn ich, um mich deutlich zu machen, die Far- 
ben stark auftrage  daher auf der einen Seite diese Stylistik, deren Er- 
starrung wir befürchten müssen, auf der andern dies Gefühlsleben, das ins 
Gestaltlosc verschwimmen zu- wollen scheint. Die Kunst soll aber dem 
Leben nicht fremd bleiben; im Gegentbeil, es ist ihr Beruf, das Leben in 
seiner vollen frischen Unmittelbarkeit zu durchdringen und sich selbst 
davon durchdringen zu lassen. Die Schätze, die in geheimer, stiller Grube 
gegraben sind, müssen wieder auf den Markt, unter das Volk llillausge- 
tragen werden; unsre Kunst muss jenem aristokratischen Element  dem, 
ohne das würde sie freilich gleich von ihrer Höhe hinabsinken  als 
nothwendiges Gegengewicht ein demokratisches zugesellen. 
Und sollen wir uns nun nicht freuen, wenn ein verwandtes Nachbar- 
volk uns ein Paar künstlerische llllraisterwerke zusendet, aus denen dies 
letztere Element in seiner freudigen Kraft hervorlcuchtet? Ja, ein demo- 
kratisches, in der ganzen, kecken Bedeutung des Wortes! Wie sich die 
niederländische Kunst, wohl nach dem Vorgange der französischen, dahin 
entwickelt hat, will ich hier nicht näher auszuführen versuchen; ich kann 
es auch nicht, da mir die genaueren Kenntnisse ihres neueren Entwicke- 
lungsgangcs fehlen. Dazu aber bedarf es keiner grossen Divination, um 
zu erkennen, dass das, was sich in den Meisterwerken der heutigen fran- 
zösischen und belgischen Kunst  ob vielleicht auch in beschränkten
        

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