Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503669
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die 
Ueber 
Systeme 
des 
Kircheubaues. 
Ich konnte mit dienen Bemerkungen nur eine flüchtige Andeutung über 
die Hauptpunkte, die bei den Systemen des Kirchenbaues und bei deren 
fortschreitender Ausbildung und Umbildung hervorgetreten sind, geben. 
Ich habe mehrfach bemerken müssen, dass es mir unmöglich sei, zugleich 
auf die mannigfaltigen Modificationen der verschiedenen Systeme näher 
einzugehen. In der That sind diese Modilicationen so bedeutend, dass sich 
durch sie der Reichthum der architektonischen Gestaltung, nur für den 
einen Zweck des Kirchenbaues, fast ins Unendliche ausdehnt, zumal 
wenn nun auch das Aeussere des Gebäudes, bei welchem z. B. die Anlage 
der Thürme und ihre mehr oder weniger harmonische Verbindung mit dem 
Körper des Gebäudes zu den interessantesten Beobachtungen Anlass giebt. 
ins Auge gefasst werden sollte. Die Stunde verstattet mir nicht, auch auf 
diese Punkte einzugehen.  Genug! Es liegt uns in der langen Folgen- 
reihe der kirchlichen Monumente, die im Laufe von funfzehn Jahrhunderten 
entstanden sind, ein reiches Erbtheil vor. dessen Benutzung nicht bloss 
unser Vortheil, sondern auch unsre Pflicht ist. Das ganze GeheimniSS, 
wie wir dasselbe der Benutzung von unsrer Seite zugänglich zu machen 
haben, beruht eben nur darin, dass wir die allgemeinen ästhetischen Prin- 
cipien von den lokalen und historischen Besonderheiten der Erscheinung. 
von der Weise des Zeitgeschmaekes, in der sie sich ausgeprägt haben, zu 
unterscheiden wissen. Wie innig Beides auch in den einzelnen Fällen 
verschmolzen sein mag, wir vermögen es, diese Doppelbcdeutung der ar- 
chitektonischen Monumente uns zum klaren Bewusstsein zu bringen. Denn 
das vor Allem ist der grosse und eigenthümliche Reiz der Architekturge- 
schichte, dass sie uns ebenso charakteristisch und unmittelbar die Sinn- 
bilder vergangener Zeitcn gegenüber stellt, wie sie die von aller tem- 
porären Geltung freien, die rein idealen Gesetze der Formenbildung vor 
unsern Augen entwickelt. Wollen wir demnach für die Zwecke des 
heutigen Kirchenbaues  sofern dabei überhaupt eine ideale Dilrchbildung 
erstrebt wird  zu einer festen Grundlage, zu einem klaren Urtheil ge- 
langen, so scheint es nöthig, nicht sowohl ein einzelnes der vorhandenen 
Systeme zur Nachbildung oder Umbildung vorzunehmen, als vielmehr aus 
der ganzen Summe unsrer Erfahrungen jene allgemeinen Gesetze der For- 
menbildung, durch welche der kirchliche Raum lebenvollc Würde und 
feierlich rhythmische Erhebung gewinnt, uns zu eigen zu machen. Da- 
durch erhalten wir das sichre ästhetische Bewusstsein, um nun auch die 
äusseren Bedürfnisse, die bei den kirchlichen Gebäuden unsrer Zeit zur 
Sprache kommen müssen, auf eine vollkommen würdige Weise gestalten 
zu können. Dadurch gewinnen wir den positiven Inhalt, dem der schaf- 
fende Künstler das Gepräge unsrer Zeit, unsres Sinnens, Fühlens und 
Denkens, aufzudrücken vermag.
        

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